Land aus dem Meer

Schnurgerade Straßen und Wassergräben, dazwischen platte Äcker und Weiden, die den Blick bis zum Horizont freigeben: Der Beemsterpolder war die erste künstliche Landgewinnung der Niederlande, Vorbild für andere Polder und seit 1999 Unesco-Weltkulturerbe.

"Wir sind noch immer ein Stück verborgenes Holland. Ein Schatz, der aus dem Meer kam", sagt Johan de Jong. Der pensionierte Chemiker arbeitet fürs Beemster-Infozentrum. Gerade macht er sich mit einer kleinen Gruppe Besucher auf zur Tour im Beemsterpolder. Mit dem Fahrrad natürlich.

Radtour durch Polder

Wo heute die Radler über schnurgerade Straßen rollen, tobten vor Jahrhunderten noch Sturmfluten. Moorige Seen machten sich im platten Landstrich nördlich von Amsterdam breit, Wind und Wetter nagten bedrohlich am Land zwischen der nahen Nordsee und der Zuidersee.

"Die Angst ging um unter den betuchten Kaufleuten in Amsterdam. Die Angst vor einer Jahrhundertflut, die zur Zerstörung der aufstrebenden Hauptstadt geführt hätte", erzählt Polderkenner de Jong. Sie hatten viel zu verlieren, die wohlhabenden Kaufleute zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Ein Rückblick: Sie sind reich geworden durch den Handel ihrer Niederländischen Ostindien-Kompanie, kurz VOC genannt. Ihre Schiffe besegeln die Weltmeere, bringen Waren aus Java und Sumatra nach Amsterdam. "De Gouden Eeuw - das goldene Zeitalter" werden Geschichtsschreiber dieses Jahrhundert später nennen.

Mit ihrem Reichtum finanzieren die Kaufleute das "Land aus dem Meer". Der Mühlenbauer und Ingenieur Jan Adriaansz aus dem Dörfchen Graft-De Rijp plant die Landgewinnung, die Arbeiten beginnen um 1609: Haushohe Deiche werden aufgetürmt und Entwässerungskanäle ausgehoben. Alles in mühseliger Handarbeit, Bagger und Planierraupen oder elektrische Pumpen - alles das gibt es damals nicht.

Um das Wasser aus dem Moorland in den höher gelegenen 45 Kilometer langen Ringkanal zu fördern, der den sumpfigen Grund umschließt, werden Windmühlen gebaut. Bald sind es 48 an der Zahl, Tag und Nacht drehen sich ihre Flügel im Wind. Im Mai 1612 ist es soweit: Jan Adriaansz meldet den Kaufleuten die Trockenlegung des Sees. Der Beemsterpolder ist entstanden, bis zu fünf Meter liegt das neue Land unter dem Meeresspiegel. Adriaansz ändert daraufhin seinen Namen voller Stolz in Jan Adriaanszon Leeghwater - Niedrigwasser.

"Bald beginnt auch die planvolle Besiedlung des Gebiets", erläutert Johan de Jong. Die geschichtsträchtige Radtour führt durch ein Gitterwerk von Wegen und Wassergräben, das anmutet wie das Muster eines riesigen Schachbrettes. Es ist bis heute nahezu unverändert erhalten geblieben und wurde daher 1999 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Im Südteil siedeln sich Gemüsebauern zur Versorgung der Amsterdamer Bevölkerung an. Auf dem fruchtbaren Boden sollen insgesamt 330 Bauernhöfe entstehen. Um 1650 bauen auch die ersten Kaufleute prächtige Landhäuser mit Lustgärten. "Leider ist davon so gut wie nichts mehr geblieben", bedauert de Jong. Denn bald zieht es die reichen Amsterdamer an den idyllischen Vechtefluss bei Breukelen. Die Gegend dort ist für sie per Pferdekutsche schneller erreichbar. Dennoch kommt man bei der Fahrt nach Middenbeemster an einigen stattlichen Herrenhäusern und Bauernhöfen vorüber. Rustenhoeven am Volgerweg ist eines der schönsten Beispiele, 1768 wurde der Backsteinbau errichtet. Und nur eine Straßenecke weiter ziert ein Einhorn den Dachgiebel des Gehöfts De Eenhorn. Passend auch der Fassadenschmuck am Hofhaus De Kleine Bijenkorf (Der Kleine Bienenkorb): Die Besitzer heißen Honig.

Mehrere Fahrradrouten erschließen den Beemsterpolder. 47 Kilometer lang ist beispielsweise die Leeghwaterroute zu den Sehenswürdigkeiten des Polderlandes. Sie führt zur Museums-Windmühle an der Noordervaart in Schermerhorn und zu den Festungsanlagen De Stelling van Amsterdam, die zwischen 1880 und 1914 erbaut wurden und ebenfalls auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes stehen. Die Leeghwaterroute startet man entweder beim Infocentrum/VVV in Middenbeemster oder dem VVV-Tourismusbüro in Graft-De Rijp. Der Ort selbst lohnt ohnehin einen Besuch: Handtuchschmale Gassen, eine Gracht mit hölzerner Schleuse und die Klappbrücke vor dem Rathaus, lassen die Vergangenheit lebendig werden.

Pumpen statt Windmühlen

Die vielen Windmühlen im Beemsterpolder sind heute verschwunden, elektrische Pumpwerke halten den Wasserstand niedrig. Gerade haben sie am Rijperweg mit Millionenaufwand eine neue Käsefabrik errichtet. Ein moderner Flachbau, zehn Jahre geplant nach den Vorgaben der Hüter des UNESCO-Welterbes. Hier können Besucher künftig die Entstehung des Beemsterkaas von einer gläsernen Galerie aus beobachten.
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