Leserbrief Beide Religionen zunächst gleichrangig

Zum Vortrag von Pfarrer Hofmann in der Synagoge vom 27. November:

Es ist richtig und wichtig, sich unter dem Motto "Erinnern und Begegnen" klar zu werden über die tragische 2000-jährige Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Kirche (Ecclesia) und Judentum (Synagoge) Gedanken zu machen. Zum Vortrag von Pfarrer Hofmann sind jedoch Anmerkungen nötig.

Wenn er nur auf die antijudaistischen Bibelstellen im Neuen Testament verweist, dann ist das einseitig dargestellt. Dabei wird übersehen, dass es im 2. Teil der Bibel durchaus auch Stellen gibt, aus denen eindeutig hervorgeht, dass Gott immer noch zu seinem auserwählten Volk steht. Beispielsweise im Brief des Paulus an die Römer im Kapitel 11: "So frage ich nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne.... Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat." Weiter positive Aussagen zum Volk der Juden lassen sich leicht finden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass während der Nazizeit in den evangelischen Kirchen nur ganz selten über die Kapitel 9 bis 11 des Römerbriefes gepredigt wurde und dass es 1940 eine "entjudete" Fassung des Neuen Testaments gab, in der positive Aussagen über die Juden weggelassen wurden.

Wenn angeblich die Gotteskindschaft auf die Kirche übertragen worden ist, so ist das Ersatztheologie; mit ihr wurde das Kreuz zum Schwert. Gab es in der frühchristlichen Kunst noch Darstellungen von Synagoge und Ecclesia, in denen sie gleichrangig angesehen wurden, so hat sich das leider in der Zeit - der sonst durchaus verdienstvollen - Kirchenväter ab dem 2. Jahrhundert nach Christus geändert. Sie übersahen die wörtliche Bedeutung der Bibeltexte und kamen zur Schlussfolgerung, die ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen entsprach, dass an die Stelle des tatsächlichen Volkes Israel jetzt die Kirche getreten wäre.

Schon gegen Ende des 3. Jahrhunderts wurde "der Jude" als Ungläubiger und Konkurrent angesehen. Später wurde er zum Christusmörder, so dass schon die bloße Bezeichnung "Jude" eine Beleidigung wurde.

Leider gab es in der Reformationszeit durch Martin Luther erneute Ausfälligkeiten gegenüber dem Judentum. So hat sich die Ersatztheologie bis heute erhalten und führt zu neuen Verletzungen und falscher Lehre. Sicher ist Antisemitismus heute nicht mehr politisch korrekt, aber diese Grundeinstellung zeigt sich aktuell in Anti-Israelismus und Anti-Zionismus.

Friedrich Taubmann, Sulzbach-Rosenberg

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