Leserbrief Belebung des Einzelhandels: "Der Stadtrat jongliert mit faulen Eiern"

Zum Artikel "Wie viel Regel darf es sein?" vom Donnerstag, 15. Januar, erreichte die Redaktion folgende Zuschrift:

Es mutet schon ein wenig wie Denkmalschutz an, den der Stadtrat mit dem Konzept verfolgt, die Innenstadt vor dem bösen Discounter schützen zu wollen, der alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest ist. Doch für mich tauchen hier zwei wesentliche Fragen auf.

1. Trägt die Innenstadt Schaden oder Nutzen davon, wenn nun ein weiterer Discounter, der sich vordergründig Baumarkt nennt, angesiedelt wird? Ich denke, keines von beidem wird der Fall sein. Das Einzige, was wahrscheinlich passieren wird: Die bereits länger ansässigen Handelsketten werden vor dem Hintergrund des vorhersehbaren Umsatzeinbruchs eine nüchterne Rentabilitätsberechnung anstellen. So lange es sich für sie rechnet, eine Filiale zu betreiben, bleiben sie vor Ort. Sobald aber der Punkt erreicht ist, an dem es unrentabel wird, schließt die Filiale ihre Türen. Ein bis zwei Jahre später öffnet dann in diesem Gebäude der nächste Ramschladen, bis die Wasserschäden an den Waren so groß werden, dass es sich für ihn auch nicht mehr rentiert.

Was der Stadtrat hier also tatsächlich macht, ist in meinen Augen das Jonglieren mit faulen Eiern. Gelingt es, alle Händler in Amberg zu halten, trotz der Ansiedlung eines weiteren Billigheimers, steigen vielleicht die Einnahmen aus der Gewerbesteuer. Es werden ein paar weitere mindestlohnfähige Jobs geschaffen und weitere Quadratmeter Boden betoniert. Misslingt das Vorhaben, verliert die Stadt nicht nur ein paar Arbeitsplätze. Es wird vor allem dem Trend zu Schund und Ausbeutung im Einzelhandel Vorschub geleistet.

2. Wie viel Denkmalschutz und Leerstände wird es wohl brauchen, bis unsere gewählten Volksvertreter daraus Lehren ziehen, die vom blinden Umherstochern im Möglichkeitenbrei zur souveränen Problemlösung führen werden? Hier wären zunächst Grundsätze zu klären, bevor man sich für die eine oder die andere Richtung der Stadtentwicklung entscheidet. Demografisch werden wir zwar älter, aber mit zunehmendem Alter werden wir weder mobiler noch reicher.

Freilich kann der Stadtrat dem Einzelhandel keine konzeptionellen Vorschriften machen, doch wenn ihm an der Schaffung einer neuen Attraktivität der Innenstadt liegt, könnte er es doch mal mit Förderprogrammen probieren. Beispiel: Ein renommiertes Fachgeschäft gibt seinen Warenbestand samt Lagerhaltung auf, siedelt sich in einem Laden in der Innenstadt an, eröffnet dort eine Warenausstellung, bietet fachkompetente Beratung und liefert verkaufte Ware in zwei Tagen nach Hause. Im Büro bestellt der Händler beim Großhandel via Internet.

Solche Konzepte könnte der Stadtrat doch belohnen. Übrigens ist dieses Konzept nicht auf meinem Mist gewachsen. Es gibt Studien von gescheiten Menschen, die zu dem Ergebnis gekommen sind, solche Konzepte könnten unsere Innenstädte wieder beleben. Findet man übrigens im Internet.

Fritz-Henning Schrader, Amberg

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