Letzte Chance für Amokfahrer
„Irrsinnsfahrt“ durch Franken

Ende einer rasanten Verfolgungsjagd: An einer Hausmauer in Wurlitz bei Rehau ist die Flucht eines Marktredwitzers im gestohlenen Auto vorbei. Alle drei Fahrzeuginsassen überleben "wie durch ein Wunder". Bild: Polizei

Mit bis zu 220 Stundenkilometern rast ein Marktredwitzer in einem gestohlenen Auto vor der Polizei davon. Jetzt stand er vor Gericht. Der Richter spricht von der "letzten Chance, seinem Leben eine andere Richtung zu geben".

Hof. Es ist der Vater einer Dreijährigen, der im Prozess die Frage stellt, die alle umtreibt: "Warum haben Sie das gemacht?", sagt er, während er in einer Pause an die Anklagebank herantritt. "Was haben Sie sich nur dabei gedacht?" Der Angeklagte, ein Mann aus Marktredwitz, schüttelt den Kopf. "Ich weiß es nicht", sagt er. "Es tut mir alles unendlich leid."

Der Vorsitzende Richter Bernhard Heim verurteilt den 36-Jährigen zu dreieinhalb Jahren Haft, ordnet einen Vorabvollzug von drei Monaten an und schickt ihn dann, dem Vorschlag eines Gutachters folgend, in eine Drogentherapie. Der Richter redet dem Verurteilten ins Gewissen. Sollte der Mann die Therapie nicht durchhalten, würde er alle Verurteilungen verbüßen müssen. Vor 2022 käme er dann nicht mehr in Freiheit. Sein Partner beim Autodiebstahl, ebenfalls mit Vorstrafen ausgestattet und drogensüchtig, muss zwei Jahre und vier Monate in Haft.

Alle im Hofer Landgericht sind sich einig: Eine Frau, die kleine Tochter ihres damaligen Freundes und der Angeklagte selbst hätten tot sein können an jenem Juli-Abend 2015. Die drei und andere Verkehrsteilnehmer hatten unglaubliches Glück. Heim spricht in seinem Urteil von "einem Höchstmaß an Gefährdung" bei der waghalsigen Flucht vor der Polizei. Und für Staatsanwalt Dietmar Burger ist es einfach nur "eine Irrsinnsfahrt", bei der es nur durch reinen Zufall keine Toten gab.

Parkplatz in Altenstadt/WN


Die Vorgeschichte: Im April 2015 stehlen der Angeklagte und ein Komplize (32) aus Waldershof bei einem Autohändler in Marktredwitz unter anderem auch einen Opel Astra Sport. In Altenstadt/WN erhält dieser auf einem Pendlerparkplatz gestohlene Nummernschilder. Der Hauptangeklagte fährt Tausende Kilometer mit dem Wagen - wohl wissend, dass er gar keinen Führerschein hat.

Bei der Fahrt mit einer Bekannten und deren Tochter nach Hof, vermutet der Mann bei Naila, dass ihm ein Zivilfahrzeug der Hofer Polizei folgt. Er fährt auf die A 72 - und tritt das Gaspedal durch. Die Jagd geht auf die A 93 Richtung Regensburg. Dann, unvermittelt, an der Ausfahrt Regnitzlosau auf die Landstraße. Auch hier rast der Autodieb mit knapp Tempo 200 weiter, in Ortschaften bremst er auf etwa 140 Sachen ab.

Inzwischen verfolgen mehrere Polizeiwagen das Auto. "Der ist gefahren wie ein Verrückter", sagt ein Rehauer Polizist. "Wir sind mit unserem 3er-BMW mit Vollgas hinterher, so etwa 190 Sachen, konnten aber nicht aufschließen." Die Bekannte fleht den Fahrer an, anzuhalten und sie und das Kind aussteigen zu lassen. Doch der Mann, gegen den zwei Haftbefehle vorliegen, will der Polizei nicht in die Hände fallen. Also geht die Flucht im gestohlenen Auto mit gestohlenen Kennzeichen, ohne Führerschein, aber unter dem Einfluss von Crystal und Alkohol, weiter.

In Wurlitz ist die Flucht nach 42 Kilometern quer durch den Kreis Hof abrupt zu Ende. Der Flüchtige kriegt eine scharfe Kurve nicht, mäht mit dem Wagen einen Gartenzaun nieder und kracht in das Nebengebäude eines Anwesens. Die Frau und das Kind erleiden nur kleine Schnittwunden und Prellungen, der Fahrer einen Trümmerbruch an einem Lendenwirbel. Gut acht Monate danach ist das wieder gut verheilt. Der Mann hatte Glück - wie beim Urteil.
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