"Letzte Gespräche" mit dem ehemaligen Papst
Benedikt XVI. zieht Lebensbilanz

"Auch beim Jubel der Massen wusste ich immer, die Leute meinen ja nicht dieses armselige Männlein da, sondern meinen doch den, den ich vertrete." Zitat: Benedikt XVI.
 
"Vielleicht bin ich ja tatsächlich nicht viel genug unter den Menschen gewesen", sagt Benedikt XVI. (im Bild bei einem Besuch in Altötting) in den "Letzten Gesprächen". Nachfolger Franziskus sei einer, der direkt auf die Leute zugehe - etwas, das ihm fehle. Archivbild: dpa

Vom kleinen "Josepherl" bis zum spektakulären Rücktritt: In einem neuen Interview-Band holt der ehemalige Papst Benedikt weit aus. Ist dies Denkmalpflege, eine Verteidigungsschrift oder eine Bekenntnis zur eigenen Schwäche?

Rom. (dpa/epd) Es ist nicht zu übersehen, dass sich der ehemalige Papst Benedikt auf das Ende vorbereitet, dass er noch einmal seine Sicht der Dinge loswerden will. In einigen Monaten wird er 90 Jahre alt. Gesundheitlich geschwächt, auf einem Auge blind, zieht er Bilanz: Über sein Leben und sein kurzes, intensives Amt.

Aussagen als Vermächtnis


In Gesprächen, die Benedikt XVI. mit dem Journalisten Peter Seewald geführt hat und die heute veröffentlicht werden, spricht der emeritierte Pontifex nicht nur über seine Schwächen und seine Motivation zum Rücktritt 2013. Er verteidigt sich auch vehement gegen Vorwürfe, die seine knapp acht Jahre lange Amtszeit überschattet hatten. Das Buch mit dem vieldeutigen Titel "Letzte Gespräche", in Englisch noch deutlicher "The Testament", legt nahe, dass Joseph Ratzinger an seinem Erbe arbeitet. "Nach dem Rücktritt kann man mal richtig erzählen", sagt Bernd Hagenkord von Radio Vatikan. Es sei seine persönliche Geschichte.

Benedikt verkündet keine brandheißen Neuigkeiten. Aber dass sich einer, der als "Theologenpapst" und für seine Schüchternheit bekannt ist, so klar zu seinen Fehlern äußert, ist bemerkenswert. "Ich bin eben doch in der Hinsicht tatsächlich mehr ein Professor, jemand, der die geistigen Dinge überlegt und bedenkt. Das praktische Regieren ist nicht so meine Seite, und da, würde ich sagen, ist eine gewisse Schwäche", sagt er.

Als "Gescheiterten" sehe er sich trotz vieler Skandale nicht. Auch wenn in sein Pontifikat ein Pädophilenskandal und korrupte Machenschaften im Vatikan fielen, die die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschütterten. Es sei ihm nicht gelungen, die Kirche so vom "Schmutz" zu reinigen, wie er sich das gewünscht habe. Immerhin habe er jedoch Hunderte pädophiler Priester entlassen.

Hinzu kam der Vatileaks-Skandal, bei dem geheime Dokumente an die Öffentlichkeit drangen und "der blödsinnige Fall Williamson", wie Benedikt sagt. Benedikt hatte die Ex-Kommunikation des Holocaust-Leugners Richard Williamson von der Pius-Bruderschaft aufgehoben. Die zuständige Kommission im Vatikan habe ihn über dessen Vergangenheit nicht informiert. "Ich sehe die Schuld nur bei dieser Kommission", sagt er nun und kritisiert eine "riesige Propagandaschlacht" gegen sich.

Jedoch habe vor allem die körperliche Schwäche zu der Entscheidung für den Rücktritt im Februar 2013 geführt. Der Entschluss sei schon im August 2012 gefallen, also ein halbes Jahr vorher. "Es ging mir nicht so gut", sagt Benedikt. Eine Reise nach Mexiko und Kuba habe ihn extrem angestrengt, und den 2013 anstehenden Weltjugendtag in Rio de Janeiro hätte er nicht mehr verkraftet.

Nie "davonlaufen"


Als "völligen Unsinn" bezeichnet er Spekulationen, dass Intrigen, Erpressung und Verschwörung ein Grund für seinen Rücktritt gewesen seien. Niemand habe ihm zum Abgang aufgefordert. "Man darf nie weggehen, wenn es ein Davonlaufen ist." Prämisse für die Veröffentlichung war laut Seewald, dass Papst Franziskus dieser zustimmt. Ein Zeichen dafür, dass die Beziehung der beiden trotz gegenteiliger Gerüchte sehr gut sei. In der Tat ist Benedikt im Buch für den Argentinier voll des Lobes, als beneide er ihn um seine Lockerheit.

Benedikt, als einfacher "Arbeiter im Weinberg" des Herren, so will er sich auch in den Geschichtsbüchern sehen. Die Macht habe er als etwas "Schweres und Belastendes" empfunden. "Auch beim Jubel der Massen wusste ich immer, die Leute meinen ja nicht dieses armselige Männlein da, sondern meinen doch den, den ich vertrete." Der emeritierte Dogmatik-Professor Wolfgang Beinert sieht in dem Buch ein "bewegendes menschliches Zeugnis". Allerdings werde es auch Kritik geben, ob wirklich alles gesagt ist.

Auch beim Jubel der Massen wusste ich immer, die Leute meinen ja nicht dieses armselige Männlein da, sondern meinen doch den, den ich vertrete.Benedikt XVI.
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