Lust und Leidenschaft

Da irren sich viele: Nicht der VW Golf hat den Käfer beerbt. Sondern streng genommen war es der Scirocco, mit dem in Wolfsburg die Ära des luftgekühlten Heckmotors zu Ende ging.

Wir schreiben das Ende der 1960er Jahre: Der VW Käfer läuft und läuft zwar noch, aber in Wolfsburg stehen die Zeichen auf Wandel. Der VW-Vorstand hat erkannt, dass es bessere Antriebstechnologien gibt als den luftgekühlten Heckmotor. Der Plan: Den Antrieb nach vorne verlegen, von einer Boxer- auf eine Reihenkonstruktion und von Luft- auf Wasserkühlung umstellen, und dazu von Giorgio Giugiaro ein zeitgemäßes Blechkleid schneidern lassen - so wird gerne die Geburtsstunde des VW Golf beschrieben. Doch historisch korrekt ist das nicht, gibt VW-Sammler Jürgen Kolle aus Braunschweig zu bedenken. Denn streng genommen nahm ein anderes Modell die technische Revolution vorweg: der Scirocco.

Im Frühjahr 1974 hatte VW auf dem Genfer Salon den Scirocco enthüllt - ein paar Wochen vor dem Golf. Und weil das nach einem heißen Wind aus der afrikanischen Wüste benannte Auto die gleiche Basis nutzte, waren die wichtigsten technischen Neuerungen damit publik.



Der Scirocco sollte Lust und Leidenschaft in die VW-Modellpalette bringen und das Geschäft in den leistungshungrigen USA beflügeln, berichtet die Historikerin Claudia Böhler in einer Dokumentation für das Unternehmensarchiv. Vor allem sollte er den legendären Karmann Ghia beerben. Und so wie der Volkssportwagen aus Osnabrück vom Käfer abgeleitet wurde, wurde sein Nachfolger vom Erben des Käfers abgeleitet: Am 23. September 1971 schlug der Ausschuss für Produktplanung dem Programmausschuss vor, "ein Coupé im A-Bereich auf Basis EA 337" in Zusammenarbeit mit dem auch für die Kompaktlimousine verantwortlichen Designer Giugiaro und dem Produzenten Karmann zu entwickeln. Die Idee des Scirocco war geboren.

Am Ende war der Scirocco dann nicht nur auf der Straße, sondern auch in der Fabrik etwas schneller als der Golf: "Während der Scirocco bereits ab April 1974 produziert wurde, liefen die Bänder für den Golf erst im Sommer an", berichtet Kolle.

Allerdings liefen sie nicht ganz so lange. Denn während der Golf es dem Käfer gleich tut und läuft und läuft - mittlerweile in siebter Generation -, hat der Scirocco eine sehr wechselvolle Geschichte: Die bis 1981 gebaute erste Generation kann man mit 504 000 Exemplaren vielleicht noch als Erfolg verbuchen. Doch schon die zweite Auflage war statt des heißen Wüstenwinds nur noch ein laues Lüftchen und brachte es bis 1992 auf gerade mal 291 497 Einheiten. Ein Grund dafür war auch die Konkurrenz aus eigenen Reihen durch den ebenfalls recht erfolglosen Corrado. Jahrelang herrschte Flaute, 2008 kam schließlich der Scirocco III auf den Markt.

Farbe einer Pril-Blume

Dass die Idee vom Golf-Coupé durchaus reizvoll sein kann, wird klar, wenn man in einem der frühen Fahrzeuge Platz nimmt - wie in jenem mit Erstzulassung 2. Juli 1976, das VW in seiner historischen Sammlung hütet. Die Lackierung dieses seinerzeit 13 895 Mark teuren Scirocco TS in schillerndem "Nepalorange" aus der Farbpalette der Pril-Blumen ist schon ziemlich ausgefallen, das gilt auch für die heute endlos spießig wirkenden Karomuster auf den tief im Wagen montierten Sportsitzen. Und aus den einst ach so coolen Kennwood-Boxen in der Kofferraumabdeckung klingen ABBA-Hits noch genauso schräg wie in den 70ern, als "Dancing Queen" ein Nummer-eins-Hit war.

Aber wer braucht schon Musik, wenn der Vierzylinder unter der flachen Motorhaube nach einer kleinen Drehung des dünnen Zündschlüssels losschnurrt? Dann schließt sich eine Hand fester um das spindeldürre Lenkrad, während die andere mit dem fragilen Schaltknüppel den ersten der vier Gänge sucht und der Blick auf die Skalen unter den spitzzulaufenden Glaskegeln im Cockpit gerichtet ist: Der rote Bereich des Drehzahlmessers beginnt erst bei über 6000 Touren, und der Tacho verspricht stolze 220 Sachen.

Sportlich, nicht schnell

Eine nette Übertreibung: Selbst der sportliche Scirocco TS mit seinen zwischenzeitlich bis 85 PS erreicht nicht mehr als 175 km/h - aber auch das testet man heute besser nicht mehr aus. Zwar liegt der nur 3,85 Meter lange und schön flache Scirocco gut auf der Straße, hält sauber die Spur und rollt mit nur 800 Kilogramm Leergewicht buchstäblich leichtfüßig durch die Kurven. Aber erstens sind gut erhaltene Exemplare selten. Und zweitens konnte damals von heutigen Standards wie ABS oder Airbags noch keine Rede sein.

Allein schon wegen der für VW-Verhältnisse mickrigen Stückzahlen hätte der Scirocco allemal das Zeug zum begehrten Klassiker. Doch wie so oft war auch dieses VW-Modell ein vergleichsweise angepasstes Allerweltsauto und hat deshalb nie den Kultstatus eines Opel Manta oder eines Ford Capri erlangt. Das ist schade für die Besitzer eines alten Scirocco und gut für alle, die sich erst jetzt zum Revival der 70er berufen fühlen. Denn mit deutlich unter 10 000 Euro kommt man auf dem Gebrauchtwagenmarkt schon ziemlich weit.

Heute ein Mauerblümchen

Aber nicht nur der alte Scirocco ist in den Herzen der VW-Gemeinde offenbar nie so richtig angekommen, auch das aktuelle Modell leidet an Akzeptanzproblemen: 2006 mit großem Tamtam als Designstudie Iroc lanciert und 2008 als neuer Scirocco in die Serie gebracht, fährt er dem Golf um Lichtjahre hinterher. Zwar verweist der Hersteller auf Verkaufserfolge etwa in China. Aber in Deutschland kommen in der Statistik des Kraftfahrtbundesamtes für das erste Halbjahr 2014 auf 114 000 Golf-Zulassungen gerade mal 1287 Zulassungen für den Scirocco.
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