Mach uns Dampf, Uli!

Jetzt erst einmal eine Dampfnudel. Der Uli ist kaum auszumachen inmitten der Dampfwolke, die von dem Kaffeeautomaten ausgeht. "Die muss entkalkt werden", dringt es irgendwo aus dichtem Nebel und lautem Zischen hervor. Macht nichts. Es gibt ja genug zu sehen - hier, in diesem gotischen Kreuzgewölbe.

Regensburg. Hier, wo schon Dieter Hallervorden, Joachim Fuchsberger, Manfred Krug, Hubert von Goisern und natürlich Edmund Stoiber und allerlei Fußballer wie Holger Badstuber und überhaupt die ganze Welt da war und eine Dampfnudel gegessen haben. Ah, meine Dampfnudel kommt. Harrgott! Schmeckt die gut! Mensch, was für eine Dampfnudel, Uli!

Die Leute sagen: "Der Dampfnudel-Uli gehört zu Regensburg wie der Dom und die Steinerne Brücke." Mmmhhh ... diese Dampfnudel. So fluffig. Und intensiv im Geschmack, dazu diese herrliche Vanillesoße - ein Gaumenschmeichler sondersgleichen. Je länger ich dem Uli zuhöre, desto faszinierter bin ich. Seine Geschichte beginnt so: Es ist das Jahr 1975, da hat Uli Deutzer weder Frau noch Geld, aber einen Traum - sein eigenes Lokal nämlich. Eine ausgezeichnete Lage hat der gebürtige Karlsbader schon gefunden. Gleich hinter dem Goliathhaus im roten Baumburgerturm. Die Bank leiht dem jungen Konditormeister Geld, und noch bevor Uli so richtig loslegt, kann er schon auf seine ersten treuen Kunden zählen. "Meine damaligen Stammgäste waren 20 Alkoholiker." Dazu muss man wissen, dass das wunderschöne Gebäude von heute damals eine stadtbekannte Trinkerhalle war. "Von der Trinkerstube zur Institution", sagt Uli Deutzer - "auf diesen Weg, auf das, was ich daraus gemacht habe, bin ich stolz."

Dynastie von Bäckern

Das Gespräch könnte nicht besser laufen, weil Uli erzählt, ohne dass ich eine Frage stellen muss - da lässt sich die Dampfnudel pausenlos genießen. Doch zurück zur Geschichte, zu den trinkfreudigen Kameraden, von denen Uli Deutzer weiß: "Die muss ich loswerden, sonst wird das nix mit einem seriösen Café und dazugehöriger Konditorei." Denn mit seinem Lokal meint es der junge Mann bierernst, kein Wunder, stammt Uli Deutzer doch aus einer Dynastie von Oblaten- und Kuchenbäckern. Sein Vater ist quasi Mitbegründer der weltbekannten Karlsbader Oblaten. Eine Handvoll Trinkspechte kann ihn da nicht aufhalten. "Eines Tages habe ich die Kohlensäure aus den Bierflaschen geschüttelt und ihnen dann hingestellt - nach ein paar Tagen sind die Leute nicht mehr gekommen."

Das Lokal heißt "Café und Konditorei Deutzer". Klingt schön, aber natürlich auch schön langweilig. Es kommt zu einer schicksalhaften Begebenheit: "Der liebe Gott hat mir einen Wink gegeben, er meinte, nenne dich doch Dampfnudel-Uli." Dieser Instanz sollte man sich freilich nicht widersetzen - und so sei es: "Dampfnudel-Uli" ist geboren. Zur damaligen Zeit backt der Uli Kuchen und Torten, sogar Pizza gibt es. Doch es sind seine Dampfnudeln, die sich schnell zum Renner entwickeln. Welch eine Freude für alle, wenn der Konditormeister jeden Tag wenige Worte auf ein Schild kritzelt und es vor seine Ladentür stellt: "Heute wieder frische Dampfnudeln."

Ritterschlag von Schubeck

Es ist das Jahr 1979, als Uli Deutzer der große Durchbruch gelingt, zu einer Institution wird. Neben dem Bayerischen Rundfunk ist es der bekannte Regensburger Fernsehjournalist Werner A. Widmann, der den "Dampfnudel-Uli" in seiner Sendung "Zwischen Spessart und Karwendel" vorstellt und alle fortan zum Watmarkt 4 pilgern. Und alle, meint in diesem Fall wirklich alle. Als müsste es unter Beweis gestellt werden, breitet der Uli Prospekte und Fremdenführer auf unserem Tisch aus: Amerikanern, Chinesen, Japanern, Australiern - allen wird der "Dampfnudel-Uli" empfohlen. Ein Besuch in Regensburg, ohne bei Uli Deutzer gewesen zu sein, da kann man genauso gut gleich zuhause bleiben. Das findet übrigens auch sein Kollege Alfons Schubeck, der mit Brief und Siegel bestätigt: "Die besten Dampfnudeln gibt's beim Dampfnudel-Uli."

Ja, und wie ist das denn nun mit den Dampfnudeln? Nun, da macht der Uli gar kein Geheimnis draus, verrät sein Rezept, warum auch nicht, denn: "Die Zutaten und Zubereitung alleine sind nicht entscheidend, sondern das Gefühl, man muss wissen, was man wann wie macht. Meine Dampfnudeln kann man nicht kopieren." Und überhaupt: "Die Konkurrenz soll leben, aber schlecht soll sie leben."

Karl Valentins Tochter

Während wir uns unterhalten, kommen allerlei Menschen ins Lokal und bestellen Dampfnudeln. Junge, Ältere, Einheimische, Touristen - die ganze Zeit geht das so. Irgendwie hat man das Gefühl, dieser Dampfnudel-Uli ist eine Mischung aus dem Rennfahrer Walter Röhrl (Aussehen) und Karl Valentin (Humor). "Wenn's Vanillesoße regnet und Dampfnudeln schneit, dann bitt' ma den Petrus, dass 's Wetter so bleibt", sagt er und grinst spitzbübisch. Da passt auch die Geschichte wunderbar, als eines Tages eine Dame im Lokal erscheint und den Herrn des Hauses sprechen will. Warum es hier einen "Karl-Valentin-Teller" gibt, möchte sie wissen. Warum sie das wissen möchte, will der Dampfnudel-Uli wissen. Sie sagt, weil sie die Tochter von Karl Valentin sei, die Pechmarie. Der Überlieferung nach hat auch ihr die Dampfnudel hervorragend geschmeckt. Ein großer Moment für den Valentin-Verehrer Uli Deutzer.

Man könnte ein Buch schreiben mit all diesen Geschichten. Aber vielleicht passt als Ende dieser Geschichte ja das Ende unseres Treffens: Es ist gerade erst später Nachmittag, da kommt ein Pärchen ins Lokal und möchte, natürlich, zwei Dampfnudeln. "Hamma keine mehr", sagt der Uli. "Was? Oh, nein." Die Begeisterung des Pärchens hält sich in Grenzen.

"So ist das halt", sagt der Uli, "wir machen eine bestimmte Anzahl von Dampfnudeln - und wenn die Zutaten aus sind, sind sie aus." Man produziert ja schließlich keine Massenware. "Aber wir bräuchten jetzt noch ein Foto von einer Dampfnudel", sag' ich. "Aber die Dampfnudeln sind wirklich aus", sagt der Uli. "Das ist jetzt blöd." "Ja, so ist es halt", sagt der Meister. Ja, irgendwie blöd jetzt. Aber irgendwie auch wieder nicht. Weil so ist es halt. Ein Hoch auf den Dampfnudel-Uli!
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