Manipulation von Organspenden: Es gibt größere Ungerechtigkeiten im Gesundheitssystem

Zum Artikel "Falsch, aber nicht strafbar" und Kommentar "Das Urteil von Göttingen verstärkt das Gefühl des Ausgeliefertseins":

Was ist passiert? Ein Mediziner fingiert Krankenakten, um seinen Patienten eine schnellere Organtransplantation zu ermöglichen. Wegen Bonuszahlungen? In vielen Berufen werden Bonuszahlungen geleistet. Halbgötter werden von der Gesellschaft kreiert, welche die medizinischen Taten oft als Wunder bezeichnet. Sind diese Organtransplantationen nicht doch ein Wunder?

Es ist schon eine Schande, dass es überhaupt Ranglisten für Patienten gibt, die auf ein Spenderorgan warten - nur weil es zu wenig Organspender gibt. Wer hat bisher diese "Warteliste-Ranglisten" aufgestellt? Nach welchen Kriterien? Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, das eine solche Warteliste wirklich die tatsächlichen Gegebenheiten erfasst. Ich habe mich gefragt, was wäre, wenn ein Mitglied meiner Familie auf eine Organspende warten müsste. Würde ich nicht alles versuchen, um den Besten zu bekommen? Würde ich bei diesem Mediziner nicht tagtäglich auf der Matte stehen, um ihm klarzumachen, dass z.B. mein Kind doch wesentlich kränker ist, als es die sogenannte Warteliste es widerspiegelt?

Warum also manipuliert ein Arzt eine solche Warteliste? Aus Profitgier? Das glaube ich nicht! Kann es nicht sein, dass hier auch menschliches Mitgefühl für seine Patienten eine Rolle spielen kann? Wie auch immer, bis dato habe ich noch nichts gelesen oder gehört über die betroffenen Patienten, die bevorzugt wurden. Wie fühlen diese Menschen sich? Wurden hierbei Leben gerettet? Es wurden nach meinem Kenntnisstand auch keine Promis bevorzugt, also nur Ottonormalverbraucher. Eigenartig.

Laut dem Bericht handelt es sich in Göttingen um 8 Manipulationen und in Regensburg um 43 Unstimmigkeiten. Wie schreibt der Verfasser des Kommentars: "Es verstärkt das Gefühl des Ausgeliefertseins". Dass ich nicht lache. Tagtäglich haben Tausende von Patienten in Deutschland das Gefühl eines Ausgeliefertseins, das Gefühl des Underdog. Keiner verfasst hierüber nur ein Wort. Wer schon einmal einen Facharzttermin wahrnehmen musste, kennt dies zur Genüge. Es gibt leider keine Statistik, die aufzeigt, wie viele tödliche Diagnosen gestellt wurden, nur weil der Facharzttermin zu spät war! Ich glaube, diese Zahl ist bei weitem höher als alle Organspenden-Manipulationen zusammen. Hier ist der "Hund" unserer 3-Klassen-Medizin begraben; 1. Klasse: Reiche, Promis und Politiker; 2. Klasse: Privatpatienten und weit abgeschlagen an 3. Stelle die Kassenpatienten.

Nach derzeitigem Kenntnisstand ist die Zahl der Organspender aufgrund der Manipulationen rückläufig. Welch ein Wunder, bei dieser unsäglichen medialen Berichterstattung! Ja sicher, die Organspenden-Manipulationen sind Fakt, man kann und sollte sie nicht tolerieren, aber eine differenzierte Berichterstattung mit Aufzeigen der Hintergründe hätte auch etwas Positives bewirken können.

Künftig sollen solche Manipulationen ausgeschlossen werden: Es gibt jetzt das 6- und 8-Augen-Prinzip. Wie gut, dass man in Deutschland alles mit Regeln, Formeln und Formularen regeln kann, selbst Krankheiten. Ich bin gespannt, wenn ein Promi vor diesen Augen steht, die die Krankheit "katalogisieren". Wahrscheinlich rutscht der Promi um 10 Punkte in der Warteliste für Organspenden-Empfänger nach oben. Eine exakte Warteliste für Organe wird es nie geben, sie könnte nur der Tod erstellen. Ich persönlich war erleichtert über das Gerichtsurteil, nicht weil ich das Handeln dieses Arztes akzeptiere, sondern weil ich denke, dass es wesentlich größere Sauereien in unserem Gesundheitssystem gibt und weil ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass hier in Kampagnen nicht mit der notwendigen Neutralität und Sorgfalt vorgegangen wird.

Walter Voß, 92694 Etzenricht
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