Medien
Journalisten weltweit unter Druck

Der Chefredakteur der türkischen Zeitung "Hürriyet", Sedat Ergin, hält den "Freedom of Speech Award" in den Händen. Bild: dpa

In Deutschland sind es die "Lügenpresse"-Rufe, in anderen Ländern drohen Repressionen und Haft: Journalisten geraten weltweit unter Druck. In Bonn debattierten Experten bis Mittwoch über Gegenmittel.

Bonn. (KNA) Inmitten lebhafter Diskussionen, farbenfroher Straßenkunst-Projekte und internationaler Gäste gab es einen Moment der Stille. Am Dienstag gedachten die 2 000 Teilnehmer des Global Media Forum in Bonn der Opfer des Anschlags auf einen Nachtclub für Homosexuelle am Wochenende in Orlando. An der Schweigeminute im Alten Plenarsaal des Bundestags nahm unter anderem Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth teil.

Gauck als Gast


Im neunten Jahr hat der Auslandssender Deutsche Welle (DW) zu der Konferenz geladen, diesmal unter dem recht allgemein anmutenden Titel "Media. Freedom. Values." (Medien. Freiheit. Werte.). Er wurde jedoch rasch mit Leben gefüllt - zum Auftakt von einem, dessen Lebensthema die Freiheit ist: Bundespräsident Joachim Gauck.

Das Staatsoberhaupt erinnerte am Montag an zentrale Werte des Journalismus und warb für eine unbestechliche, seriöse und tatsachenorientierte Berichterstattung. Die Möglichkeiten für Manipulation und Desinformation nähmen zu - und würden von vielen "skrupellos" ausgenutzt, warnte das Staatsoberhaupt. Umso mehr komme es darauf an, dass man "bewährten Medien, die zu Markenzeichen verlässlichen Journalismus geworden sind, auch weiterhin vertrauen kann".

Die Suche nach der Wahrheit sei weiterhin relevant, mahnte auch der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. Zugleich stünden Journalisten jedoch weltweit unter Druck. In manchen Ländern trauten sie sich nicht, den Islam zu kritisieren, so der Diplomat - zumal nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" im vergangenen Jahr.

Auch Regierungen setzten Journalisten zunehmend unter Druck. Daran erinnerte eindrucksvoll der "Freedom of Speech Award" für den Chefredakteur der türkischen Tageszeitung "Hürriyet", Sedat Ergin. Der Preisträger erhielt stehende Ovationen, bekundete jedoch, die Auszeichnung mit gemischten Gefühlen entgegenzunehmen: Es sei traurig, dass die Welt im Jahr 2016 weiterhin um Meinungsfreiheit ringen müsse.

Der Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Michael Roth, erinnerte zudem an den Preisträger des Vorjahres, den saudischen Blogger Raif Badawi. Er sitzt in seiner Heimat weiterhin wegen Beleidigung des Islam im Gefängnis - seit nunmehr vier Jahren. Vor dem Hintergrund dieser Schicksale gewinnen die zahlreichen Bonner Appelle für eine kritische Presse an Gewicht.

"Wir können es uns nicht leisten, Lügen gewinnen zu lassen", betonte der britische Historiker Martin Walker. Journalisten müssten Lügen und Gerüchten vielmehr mit Fakten begegnen. In den neuen Medien könnten sich Unwahrheiten zwar schnell verbreiten - doch die Wahrheit könne sie einholen. In der komplexer werdenden Welt sei es gefährlich, mediale Angebote zu verringern, warnte Walker. "Wir leben in einem zerrissenen Zeitalter." Der Journalismus entwickle sich jedoch weg von Bildung und Information hin zur reinen Unterhaltung. Terrororganisationen wie der "Islamische Staat" (IS) übernähmen diese Strukturen. "Sie benutzen unser Werkzeug", so Walker. Dem lasse sich nur mit neuer Glaubwürdigkeit begegnen.

Neu erzählen


Erste Ideen, wie dieses Ziel erreicht werden könnte, präsentierte die stellvertretende Direktorin der DW-Akademie, Ute Schaeffer. "Die Strukturen sind oftmals vorhanden", sagte sie. "Was es braucht, sind neue Strategien." Medienschaffende müssten etwa darüber nachdenken, wie sie Geschichten neu erzählen könnten, und wie Inhalte, die von Nutzern zugeliefert werden, aufbereitet und deren Meinungen und Erfahrungen berücksichtigt werden könnten.

Inhaltlich müssten Leser, Zuhörer, Zuschauer und Nutzer ernst genommen werden, betonte Schaeffer. "Die Menschen wollen Hintergründe erfahren und verstehen." So müssten Medien bereits heute die sich anbahnenden Krisen von morgen im Auge behalten. Ein Beispiel dafür sei die verlorene Generation, die im Libanon oder Jordanien in Folge des syrischen Bürgerkriegs heranzuwachsen drohe. "Das sind die Geschichten, die erzählt werden müssen."
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