Mehr als 50 Millionen Menschen von Hunger bedroht
El Niño bringt den Dürretod

Der ersehnte Regen bleibt aus. Das Vieh verendet. Am Ende verhungern auch die Menschen. Am Horn von Afrika und im Süden des Kontinents herrscht derzeit die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten.

Addis Abeba/Johannesburg. Nach Jahren des Jubels über hohes Wirtschaftswachstum und Fortschritte bei der Armutsbekämpfung in vielen Staaten Afrikas ist ein alter Feind wieder mit voller Wucht zurück auf dem Kontinent: der Hunger. Das globale Klimaphänomen El Niño hat nach Meinung von Experten die schlimmste Dürrekatastrophe seit Jahrzehnten ausgelöst. Mehr als 50 Millionen Menschen sind am Horn von Afrika und im Süden des Kontinents akut von Hunger bedroht.

In Südafrika beten Christen, Hindus und Muslime seit Monaten immer wieder gemeinsam für Regen. Doch auf dem staubtrockenen, rissigen Boden wächst bisweilen nur der Berg an verhungerten Tierkadavern. In Simbabwe verkaufen verzweifelte Bauern ihre Rinder, die oft die Ersparnisse der ganzen Familie sind. Lieber erzielen sie einen mickrigen Preis, als die Tiere sterben zu sehen. Äthiopien, das bis vor kurzem noch mit jährlichen Wirtschaftswachstum von etwa 10 Prozent von sich reden machte, ist am schlimmsten betroffen. Dort werden dieses Jahr bis zu 18 Millionen der rund 95 Millionen Einwohner auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein, warnen Hilfsorganisationen. Die Regierung kann nur für etwa 8 Millionen sorgen. Das Hunger-Frühwarnsystem Fewsnet spricht von der schlimmsten Dürre seit 50 Jahren. Im Norden waren im Dezember bereits mehr als 200 000 Rinder verendet.

UN fehlt Hälfte des Gelds


"Mehr als 80 Prozent der Menschen sind auf die Landwirtschaft angewiesen", erklärt der Äthiopien-Direktor der Hilfsorganisation Oxfam, Ayman Omer. "Wenn es nicht regnet, beginnen für eine enorme Menge Menschen die Probleme." Fast alle Regionen seien betroffen.

Vor gut drei Jahrzehnten schockierten Bilder von äthiopischen Kindern mit Blähbäuchen und von Menschen, die fast bis aufs Skelett abgemagert waren, die Weltöffentlichkeit. Hunderttausende kamen damals bei einer Hungersnot ums Leben. Inzwischen sind Regierungen und Helfer in Afrika jedoch besser aufgestellt. Das Schlimmste kann vermieden werden - die nötigen Mittel vorausgesetzt. Für die Äthiopien-Hilfe sind rund 1,4 Milliarden Dollar nötig - doch mehr als die Hälfte fehlt laut den Vereinten Nationen (UN) noch.

Die von El Niño verursachte Dürre wird Menschenleben fordern, das gilt den Experten zufolge als sicher. In Somalia sind nach Angaben der UN fast 60 000 Kinder vom Hungertod bedroht, im Krisenstaat Südsudan sind es 40 000 Menschen. Für Äthiopien, wo die autoritäre Regierung alle Informationen kontrolliert, gibt es keine solche Zahl. UN-Experten rechnen dort ohne rasche Hilfe mit bis zu 400 000 "ernsthaft akut unterernährten" Menschen. Hier werde es kein Massensterben geben, sondern es gehe darum, Leid für Millionen Menschen abzuwenden, erklärt David Del Conte von der UN-Nothilfeorganisation UNOCHA.

Experten meinen, Äthiopien habe bei der Suche nach immer höherem Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren manche Weichen falsch gestellt. "Die Regierung hat dem lukrativen Anbau von Nahrungsmitteln für den Export der heimischen Produktion gegenüber Priorität eingeräumt", sagt Emma Gordon von der Risikoberatung Verisk Maplecroft. Viel fruchtbares Land werde kommerziell verpachtet und die Nahrungsmittelproduktion wachse langsamer als die Bevölkerung.

Jahrhundert-Trockenheit


El Niño hat auch das südliche Afrika in eine schwere Dürre-Krise gestürzt. Mehr als 30 Millionen Menschen sind in der Region nach Darstellung von UNOCHA von Hunger bedroht. In Südafrika etwa geht die Regierung davon, 14 Millionen Menschen helfen zu müssen. Seit Beginn der Aufzeichnungen vor über 100 Jahren hat es in dem Staat am Kap noch nie so wenig geregnet wie 2015. Um die Auswirkungen abzufedern, muss Südafrika wohl rund 6 Millionen Tonnen Mais importieren.

In Lesotho und Swasiland gelten ein Drittel der Bevölkerung als vom Hunger bedroht. In Simbabwe geht die Regierung davon aus, dass 2,5 Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe brauchen werden. In Malawi ist die Situation so dramatisch wie seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr. Bereits vor der Dürre galten 47 Prozent aller Kinder als unterernährt, nun brauchen drei Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe, etwa ein Fünftel der Bevölkerung. Das ganze Ausmaß der Not im südlichen Afrika wird erst nach der Regen- und Erntezeit im April klar werden.
Die Regierung hat dem lukrativen Anbau von Nahrungsmitteln für den Export der heimischen Produktion gegenüber Priorität eingeräumt.Expertin Emma Gordon über die Lage in Äthiopien
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