Meister des Tons

Feinster Tonstaub tänzelt durch die Werkstatt. Es scheint, als feierten Millionen klitzekleiner Partikelchen ein Fest. Wieder einmal ist es unter den Händen eines Meisters gelungen, dass sich ein Klumpen Ton in ein Gefäß verwandelt hat.

Wernberg-Köblitz.Franz Keck erhebt sich von seiner Drehscheibe und stellt den frisch geformten Krug ab. In seiner mit Ton betupften Schürze schreitet der Meister im Schein der hereinfallenden Sonne durch das rauschende Fest der Tonstaubteilchen hindurch. Um uns herum hängen Dutzende von Zeichnungen, überall Gefäße, Figuren, bunte Farbpinsel. "Man muss den Ton beherrschen, nicht umgekehrt - der Ton muss den Töpferhänden folgen." Wer mag da widersprechen? Weder Oberpfälzer Regierungspräsidenten, noch Theaterregisseure, noch Hollywood - sie alle erfreut der Oberpfälzer mit seiner unverwechselbaren Kunstfertigkeit.

Der kleine Franz

Der kleine Franz bekommt große Ohren: "Adam wurde von Gott aus Lehm erschaffen, danach wurde ihm der Lebensatem eingehaucht." Den Worten des Pfarrers von damals sollten Taten des Jungen im Alter von sieben Jahren folgen. Lehm ... Ton ... Formen ... das entfesselte die Fantasie des Buben. Sofort nach der Schule hat er sich drangemacht und seine eigenen kleinen Adams und Lehm-Männleins geschaffen. "Das mit dem Einhauchen des Lebensatems hat dann allerdings weniger gut funktioniert", scherzt Franz Keck, in der rechten Hand hält er einen Bleistift, auf dem Papier vor ihm entstehen erste Umrisse. Lebensatem hin oder her - bei dem kleinen Franz wurde der künstlerische Lebensgeist derart geweckt, dass der Grundstein für sein ganzes berufliches Leben gelegt worden ist. Bis heute töpfert, zeichnet und malt der 75-Jährige in seiner Wernberger Werkstatt. Alles Unikate. Alles von Hand. Alles einmalig. Die Kunst gibt im Leben von Franz Keck den Ton an.

Es ist kein leichter Weg, bis ein Kunstwerk aus Ton in seiner vollendeten Form für die Ewigkeit geschaffen ist. Er führt über die Drehscheibe und Lufttrocknung durch einen 960 Grad heißen Brennofen - und endet nach einem Glasurbad bei bunten Pinselfedern. Immer begleitet vom sanften und ach so liebgewonnenen und notwendigen Leiden des Künstlers. "Erst wenn die Form und die Strukturen perfekt, die Farben und das Muster exakt so sind, wie ich es zu Beginn in meinem Kopf hatte, kann ich das Werk wirklich ruhigen Gewissens aus der Hand geben." Während Franz Keck erzählt, zeichnet er weiter auf dem Blatt, das vor ihm liegt. Ein Gesicht ist zu erkennen. Wer ist das? "Weiß ich nicht", sagt er. Sei auch nicht wichtig.

Unverfälschtes Handwerk

Zurück an der Drehscheibe. Filigran liegen Hände um den geschmeidigen Ton, Zeigefinger und Daumen umschließen die Masse. "Beide Zeigefinger lassen den Ton laufen und ziehen, der Tonklumpen muss zentriert werden, damit in der Mitte ein Loch entsteht." Ja, so muss es wohl auch schon vor vielen Jahrtausenden gewesen sein, diese Einfachheit, diese ursprünglichen Mittel mitsamt diesen primitiven Werkzeugen - wahrlich: Hier entsteht gerade etwas Unverfälschtes, etwas Schönes. "Die Herstellung hat sich die vielen Jahrtausende über nicht geändert - nur meine Drehscheibe wird elektrisch betrieben." Und auch den Ton lässt sich Franz Keck verarbeitungsbereit, sprich homogen und lufttrocken liefern. Soviel neuzeitlicher Luxus muss sein.

Wir blicken inzwischen in einen großen Bottich. Mit einer großen Kelle rührt Franz Keck durch die milchig cremige Flüssigkeit und taucht dann einen frisch gebrannten Krug gänzlich hinein. "Die Glasur ist das Kleid des Tongefäßes", sagt er und stellt das Tongebilde daneben. Bereit für die Farben. Für die Bilder, die der Töpfer in Eigenregie entwirft und malt. Mal nach Kundenauftrag, mal nach Lust und Laune. Vielleicht ist es diese Einmaligkeit, die Politiker wie Oberpfälzer Regierungspräsidenten und selbst seinerzeit Franz-Josef Strauß in die Werkstatt von Franz Keck führten. Dieses Besondere, das Regisseur Peter Steiner für seine Bühnenrequisiten haben wollte und in Form einer Konfektschale sogar in einem Harry-Potter-Film zu sehen ist. "Das Magazin ,Stern' hat damals in seiner Titelgeschichte die schönsten Bilder des ersten Teils gezeigt, als Requisite auf einem Wohnzimmertischchen der Dursleys steht meine zart bemalte Schale mit dem filigranen und typischen Preiselbeermuster." Wie diese Schale allerdings ihren Weg nach Hollywood gefunden hatte, konnten weder der "Stern"-Reporter noch Franz Keck selbst klären.

Es ist scheinbar eine ehrenhafte Bescheidenheit, dass sich Künstler oftmals selbst nicht als Künstler sehen oder als solche bezeichnen - und Franz Keck macht da keine Ausnahme: "Ich bin kein Künstler, ich bin in erster Linie ein Handwerker." Während der Keramikmeister dies sagt und die Sonne durch die großen Fenster auf ihn scheint, hat man irgendwie den Eindruck, die ihn umgebenden tänzelnden Tonstaubteilchen würden sich gerade bitterlich darüber beschweren.
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