Morgens viele Kilometer zur Arbeit fahren, abends dieselbe Strecke wieder zurück: Wie Pendler ...
Pendeln kostet Zeit und Nerven

(dpa/tmn) Morgens entspannt Kaffee schlürfen und nebenbei in Ruhe die Zeitung durchblättern - dafür haben viele vor der Arbeit keine Zeit. Laura-Louise Scheller schon. Die 27-Jährige pendelt seit einigen Monaten zur Arbeit. Sie wohnt in Frankfurt am Main und macht ein Praktikum außerhalb der Stadt. Eine Stunde braucht sie von Tür zu Tür.

Bus, Auto oder Bahn

Mit einem langen Weg zum Job ist Scheller nicht allein: Gut jeder fünfte Berufstätige in Deutschland (22 Prozent) braucht 30 bis 60 Minuten zur Arbeit, wie Daten des Statistischen Bundesamtes von 2012 zeigen. 5 Prozent sind demnach täglich sogar eine Stunde pro Strecke unterwegs. Besonders in den Ballungsräumen wie dem Rhein-Main-Gebiet, München oder Berlin müssen Berufstätige weite Strecken zurücklegen. In solchen Regionen setzen Pendler oft auf öffentliche Verkehrsmittel, im ländlichen Raum eher auf das Auto.

Auto oder Bahn - das ist die Frage beim Pendeln. Nicht immer können Berufstätige sich das aussuchen. Manchmal fährt kein öffentliches Verkehrsmittel zur Arbeitsstelle. Wer allerdings die Wahl hat, sollte sich für Bus oder Bahn entscheiden, rät Steffen Häfner. Er ist Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapie und hat sich intensiv mit dem Thema Pendeln befasst. Denn die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bringt Vorteile. Pendler können sich auf dem Weg zur Arbeit besser entspannen, wenn sie nicht selbst am Steuer sitzen. Zeitung lesen, in einem Buch schmökern oder vielleicht sogar eine Fremdsprache lernen: Wer Bahn fährt, kann die Zeit sinnvoll nutzen. Das Einzige, was Pendler nicht tun sollten, ist schlafen. Es klingt zwar verlockend, die Zeit für ein Nickerchen zu nutzen. Allerdings ist es eine schlechte Idee: Am Tag sollten Menschen wach bleiben, damit sie nachts gut schlafen können, erklärt Häfner.

Kommt die Bahn zu spät, ist Stress programmiert. Und wer keinen Sitzplatz ergattert, steht sich die Beine in den Bauch. Laura-Louise Scheller hat meist Glück, weil ihre Stationen gut liegen. "Die meisten Pendler müssen auf meiner Strecke aber stehen", erzählt sie. Dafür nervt sie das Umsteigen auf dem Weg zur Arbeit von der Tram in die S-Bahn. "Die Tram kommt immer zu spät. Wenn die S-Bahn dann pünktlich ist, wird es eng." Außerdem muss sie dann wieder einen neuen Sitzplatz suchen. Häfner rät daher, lieber eine längere Strecke zu wählen, bei der das Umsteigen aber wegfällt.

Das Pendeln mit Bus und Bahn geht schlimmstenfalls auch zulasten der Gesundheit. Der Stress kann zur psychischen Belastung werden, sagt Häfner. Und das viele Sitzen bereitet unter Umständen Schmerzen im Hals- oder Lendenwirbelbereich. Außerdem ist es nicht gut, in einer vollen Bahn eingequetscht zwischen vielen Leuten zu stehen und sich kaum bewegen zu können. Aber auch Pkw-Pendler leben nicht gesünder. "Autopendler neigen eher zu Übergewicht", erklärt Häfner. Denn während Bahnpendler meist noch ein Stück zur Haltstelle laufen, steht das Auto in der Regel direkt vor der Tür. Bewegung? Fehlanzeige.

Wer sich für das Auto entscheidet, ist aber flexibler. Dafür haben Autofahrer nur wenige Möglichkeiten, sich nebenbei zu beschäftigen. "Sie müssen sich auf den Verkehr konzentrieren", sagt Gerhard Laub, Verkehrspsychologe bei TÜV Süd. Nebenbei können sie höchstens Musik oder ein Hörspiel hören. Häufig glauben die Pendler, ihre Strecke besonders gut zu kennen. "Aber selbst auf einer Routinestrecke können Autofahrer Fehler machen", warnt Laub. Außerdem müssen sie damit rechnen, dass andere die Strecke nicht täglich fahren und Fehler machen. Und es kann Überraschungen wie eine neue Baustelle geben.

"Besonders die Heimfahrt ist gefährlich", sagt Laub. Denn dann sind die Pendler müde und kaputt von der Arbeit. Er rät daher zu kurzen Pausen auf der Strecke. "Lieber mal kurz Luft schnappen und dann wieder richtig konzentrieren. Auf die zehn Minuten mehr kommt es nicht an." Wer Stress oder gar Streit im Büro hatte, sollte sich nicht direkt hinters Steuer setzen. Lieber erstmal runterkommen und durchatmen, rät Laub. Wenn die Chance besteht, sollten Pendler Fahrgemeinschaften bilden. Das ist nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch entspannter.

Gefühl von Heimatlosigkeit

Doch egal, ob Auto oder Bahn: Das Pendeln verträgt sich häufig nicht mit dem Familienleben. "Wir haben herausgefunden, dass Frauen, die täglich pendeln, ihren Kinderwunsch aufschieben", sagt Thomas Skora vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Männer hätten unterdessen den Eindruck, nicht genügend im Familienalltag integriert zu sein. Und Wochenendpendler, die unter der Woche nicht nach Hause fahren, fühlten sich häufig heimatlos. Ein wichtiger Faktor sei generell, ob Berufstätige sich freiwillig fürs Pendeln entscheiden. "

Laura-Louise Scheller wird noch einige Monate jeden Morgen mit Tram und S-Bahn unterwegs sein. "Vor allem abends nervt es, weil ich erst gegen 20.00 Uhr zu Hause bin", erzählt sie. Einkäufe erledigen oder Freunde treffen - das sei oft schwierig und müsse geplant werden. Aber auch das frühe Aufstehen sei anstrengend. Langfristig kann Scheller sich das Pendeln nicht vorstellen. "Das ist nicht nur mühsam. Es geht auch viel Freizeit dabei drauf."
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