Mutmaßlicher Kindermörder vor Gericht
Silvio S. zeigt Reue

Überraschend hat sich der mutmaßliche Mörder Silvio S. zum Prozess-Ende zu Wort gemeldet. Viele Fragen bleiben aber offen. Bild: dpa

Kaum einer hat noch mit einer Aussage des Angeklagten gerechnet. Dann faltet der mutmaßliche Kindermörder Silvio S. einen Zettel auseinander und gibt einem verblüfften Publikum Einblicke in sein Innenleben.

Potsdam. Die Zuschauer in Saal 8 tauschen überraschte Blicke aus, als Silvio S. plötzlich diesen abgenutzten DIN-A4-Zettel auseinanderfaltet. Es hat wohl so gut wie keiner mehr mit seiner Aussage gerechnet. Zweieinhalb Minuten lang verliest der abgemagerte 33-Jährige am Dienstag eine Entschuldigung. Sie ist handschriftlich. Er spricht in seinem Potsdamer Mordprozess mit brüchiger, leiser Stimme. Er kämpft immer wieder mit den Tränen.

Tod Elias' weiter unklar


Der mutmaßliche Kindermörder schließt mit den Worten: "Egal wie das Urteil auch ausfällt: Die Verantwortung für die schrecklichen Taten und den Tod von Mohamed und Elias wird immer bleiben, genauso die Gewissheit, dass ich das nicht wiedergutmachen kann." Das klingt klipp und klar - und lässt doch quälend viele Fragen offen. Wie starb Elias (6)? Dazu hat der Mann kein Wort gesagt. Über den Tod Mohameds (4) hatte der Mann zumindest bei der Polizei gesprochen.

Das an deutschen Gerichten übliche letzte Wort des Angeklagten vor dem Urteil ist die allerletzte Gelegenheit für einen Sinneswandel gewesen. Auf Anraten seiner Verteidiger hat sich der Wachmann an den zehn Verhandlungstagen zuvor hartnäckig ausgeschwiegen.

Seine Körpersprache hat immer wieder dagegen angekämpft. Dann hat er den Kopf geschüttelt, genervt geblickt, manchmal verschämt. Als der Staatsanwalt ihn eine "Bestie in Menschengestalt" genannt hat, hat er sich die Ohren zugehalten. Mindestens drei Mal hat der Richter ihm nahegelegt, zu reden. Diese Erklärung in letzter Minute muss für den 33-Jährigen ein Befreiungsschlag gewesen sein - nach über 60 Stunden Verhandlung, in denen am häufigsten über ihn geredet wurde. Zugleich ist sein knappes Bekenntnis ein Signal an Gericht und Hinterbliebene: "Es gibt kein Wort auf der Welt, das beschreiben könnte, wie leid es mir tut. Wenn ich es ungeschehen machen könnte, würde ich es tun. Ich selbst aber kann mir das nicht verzeihen. Ich werde in der Haft alle Behandlungen annehmen, die angeboten werden, damit so etwas auf keinen Fall noch einmal passieren kann."

Wohl lebenslange Haft


Für nächste Woche wird das Urteil erwartet. Der Staatsanwalt hat Sicherungsverwahrung sowie das Feststellen von besonderer Schwere der Schuld beantragt. Das würde später die Entlassung aus dem Gefängnis sehr erschweren. Wenigstens diese Verschärfungen will die Verteidigung verhindern.

Die Mutter von Elias hat sich bis zuletzt Aufschluss über die letzten Stunden ihres Kindes erhofft, das "zum Spielen hinausging und nie zurückkam", wie es ihre Anwältin sagt. Silvio S. könne mit einem umfassenden Geständnis der Mutter helfen, "mit dem Schmerz über den Verlust ihres einzigen Kindes und die damit einhergehende Verzweiflung umzugehen und die innere Leere zu überwinden". Doch diese Hoffnung ist weiter unerfüllt.

Der Mutter von Mohamed bleibt genauso gebrochen zurück. Es gebe nur einen Satz, den die Bosnierin auf Deutsch sicher aussprechen könne, sagt ihr Anwalt: "Mein Kind ist tot!"
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