Neue Erkentnisse zu Niels H.
„Todespfleger“ schlug 33 mal zu

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. im Dezember 2014 vor dem Landgericht in Oldenburg. Wie sich herausstellt, hat der 39-Jährige mehr Menschen getötet als bisher bekannt. Bilder: dpa
 
Oberstaatsanwalt Thomas Sander, Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann, Polizeipräsident Johann Kühme und Kriminaloberat Arne Schmidt (von links) bei der Pressekonferenz in Oldenburg.

Die Mordserie des Ex-Pflegers Niels H. nimmt immer größere Ausmaße an. Inzwischen gehen die Ermittler von mehr als 30 Taten aus - und wollen "jeden Stein umdrehen".

Oldenburg. Bei 27 von 99 exhumierten ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst seien Rückstände eines Herzmedikaments entdeckt worden, sagte der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Das Mittel soll Niels H. den Patienten absichtlich gespritzt haben. Insgesamt gehen die Ermittler jetzt davon aus, dass Niels H. für mindestens 33 Todesfälle im ehemaligen städtischen Krankenhaus Delmenhorst verantwortlich ist.

Bei 27 Verstorbenen konnte den Angaben zufolge der Wirkstoff Ajmalin des Medikaments Gilurytmal festgestellt werden. Der Ex-Pfleger brachte Patienten laut den Ermittlern mit einer Überdosis absichtlich in einen "reanimationspflichtigen Zustand", um anschließend bei der Reanimierung seine Fähigkeiten zu beweisen. Viele überlebten diese Notmaßnahme nicht.

Bereits lebenslängliche Haft


Diese 27 zusätzlichen Tötungshandlungen habe Niels H. gestanden, erklärten die Ermittler am Mittwoch. Wegen weiterer fünf Fälle war er 2015 vom Landgericht Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilt worden. 2008 hatte ihn dasselbe Gericht wegen versuchten Mordes zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Entgegen früherer Behauptungen gestand der heute 39-Jährige nun, auch an seinem früheren Arbeitsplatz in Oldenburg mehrere Patienten mittels einer Kalium-Injektionen getötet zu haben. "Wie viele Patienten Opfer in Oldenburg waren, können wir derzeit nicht sagen", sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. Es bestehe dringender Tatverdacht in sechs Fällen, davon in vier Fällen wegen Kaliumvergiftung.

Niels H. dürfte damit in den Jahren 2002 bis 2005 eine der größten Mordserien der deutschen Nachkriegsgeschichte begangen haben. 2006 war der sogenannte Todespfleger von Sonthofen zu lebenslanger Haft verurteilt worden - nach Überzeugung der Richter hatte er 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Patienten zu Tode gespritzt.

Polizeichef Kühme sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und dankte ihnen, dass sie die notwendigen Exhumierungen ertragen hätten. Niels H. habe durch seine "grauenhaften Taten" auch dafür gesorgt, dass ein ganzer Berufsstand in Verdacht geraten sei. Die Polizei hatte vor rund eineinhalb Jahren die Soko "Kardio" ins Leben gerufen, die sich mit dem Fall befasst. Ermittlungen laufen auch gegen Klinikverantwortliche in Delmenhorst und Oldenburg wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen.

Wieder vor Gericht


Niels H. soll nach dem Willen der Ermittler ein weiteres Mal vor Gericht: "Es wird natürlich eine weitere Anklage geben", betonte Schiereck-Bohlmann. Das Verfahren werde alle Taten umfassen, die ihm noch nachgewiesen werden könnten. "Die rechtliche Konsequenz wird am Ende dieselbe sein: Lebenslänglich und besondere Schwere der Schuld. Daran wird sich nichts ändern." Die Ermittlungen werden sich vermutlich noch bis ins nächste Jahr hinziehen: "Die Ermittlungen dauern so lange, bis wir das unselige Wirken des Niels H. komplett aufgeklärt haben", sagte der stellvertretende Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Thomas Sander. Es werde "jeder Stein umgedreht".
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