Neuer Brandherd im Jahn-Stadion

Der neue Jahn-Coach ist als Profitrainer ein unbeschriebenes Blatt. Dafür ist Christian Brand, Ex-Werder-Regisseur, Jugendtrainer und sogar Journalist.

"Messi, Messi, Messi: So lief das damals, am 29. Februar 2012, als die Schweiz in Bern Argentinien zum Testspiel empfing." Was hat Messi mit dem neuen Mann auf der Trainerbank zu tun? Tausendsassa Christian Brand analysierte für Spiegel-Online die WM-Spiele der Schweiz. Wow, der 42-Jährige mit abgeschlossenem Volontariat kann künftig die Siege (hoffentlich) und Niederlagen seines Teams selbst für die Presse aufarbeiten.

"Unkonventionell"

"Kompetenz vor Vita", hatte Sportchef Christian Keller versprochen oder gedroht, je wie man es sieht. Im Vergleich zum zuletzt häufig genannten Michael Wiesinger dürfte dieses Etikett zutreffen. Die meisten Fußballlaien werden heute nach Verkündung der wichtigsten Personalie seit der Verpflichtung von Franz Smuda erst mal Dr. Google zu Rat gezogen haben. Dabei hat der in Quakenbrück geborene Ex-Profi immerhin über 100 Bundesligaspiele für Werder Bremen, Hansa Rostock und den VfL Wolfsburg in den Knochen.

Bei den Trainern Dixi Dörner, Thomas Schaaf, Armin Veh und Friedhelm Funkel genoss der Mittelfeldspieler spieltatktischen Anschauungsunterricht. "Christian Brand ist intelligent, dynamisch und unkonventionell", begründet Keller seine Entscheidung. "Wir denken, dass er es schafft, Zugang zu unserer jungen Mannschaft zu finden und sie auf Spur zu bringen."

Wenn man die Philosophie Kellers kennt, verwundert es nicht, dass Brand bei seinen ersten Stationen hauptsächlich Erfahrungen als Nachwuchstrainer aufweisen kann - schließlich ist die angeknockte Jahn-Profimannschaft selbst eine erweiterte U24. Nach Ende seiner aktiven Laufbahn absolvierte Brand sein Lehrjahr 2007/8 als Assistenztrainer beim FC Thun. 2008 übernahm er beim FC Luzern das Training der U18 und später der U21. Und im Frühjahr 2011 stieg der Niedersachse schließlich bis Saisonende zum Interims-Cheftrainer der Luzerner Profis auf.

"Ich freue mich extrem und bedanke mich bei allen Verantwortlichen dafür, dass sie mir in dieser schwierigen Situation das Vertrauen schenken", jubiliert der Newcomer über den Einstieg durch die Kellerluke des deutschen Profifußballs. "Für mich persönlich ist es der nächste Schritt. Es wird sehr arbeitsreich und intensiv und nur möglich, wenn alle an einem Strang ziehen und alle dahinterstehen."

Fit für Europa

Deshalb wolle sich der Profitrainer in den nächsten Tagen und Wochen ausschließlich auf die sportliche Herkulesarbeit konzentrieren - Interviews mit den Kollegen von den Medien erstmal Fehlanzeige. "Es wartet brutal viel Arbeit auf uns", mahnt Brand. Gut so, erst die Fehlerbehebung, dann das Wort zum Sonntag. Ganz ohne Diplome geht's aber auch nicht: Der neue Brandherd am Spielfeldrand des SSV Jahn ist stolzer Besitzer des höchsten europäischen Trainerdiploms, der Uefa Pro-Lizenz - wir vermuten: Das reicht dann auch für die Champions-League.

Das bisherige Trainerteam mit den Co-Trainern Harry Gfreiter und Marcus Jahn sowie Torwarttrainer Oliver Karl soll dem neuen Chef laut Pressemitteilung "bis auf weiteres" zuarbeiten. Seit Dienstag vergangener Woche ist Christian Brand Cheftrainer beim SSV Jahn. Hauptaufgabe bei den ersten Trainingseinheiten: das angeknackste Selbstvertrauen seiner Schützlinge zu stärken. "Ned gschimpft, is globt gnua" gilt ja eigentlich als Grundregel bayerischer Arbeitsmoral. Da tut niedersächsische Sensibilität mal ganz gut. Brand verteilt weniger Anweisungen, als rhetorische Fleißbilder. "Ja, ja, ja", feuert er Andi Güntner bei einem unwiderstehlichen Solo an. "Mach mal offensiv." Denn eines hat Brand schon erkannt: "Irgendwann muss man auch schießen."

Psycho-Tricks

"Das Negative aus den Köpfen kriegen", nennt der Ex-Werderaner seine Therapie. Gut, das klingt nicht viel anders als bei Vorgänger Alex Schmidt. Aber vielleicht ist das ein wenig wie beim Bischof: Auch der neue Oberhirte hat ganz ähnliche Positionen wie Kardinal Müller, aber irgendwie trägt er die viel leutseliger vor. Und schon ist Rudolf Voderholzer ein beliebter Mann. Wenn das bei Brand auch klappt, soll's uns Recht sein. "Ein paar Tricks und Kniffe" will er den Jungs zeigen, "damit sie sich immer wieder neu fokussieren können". Bisher noch ohne Buddha-Statue und Ommm-Gesänge.

"Er kommt gut rüber, er passt zu uns, das ist die Hauptsache", jubelt Patrick Lienhard. Auch Maskenmann Lukas Sienkiewicz hat "einen guten Eindruck", aber den hängt er als alter Kempe doch nicht ganz so hoch: "Wichtig ist, dass wir punkten", will der Fels in der Brandung Zählbares statt Wellness-Veranstaltungen.
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