Nord-Süd-Gejammere passt zu Korea

"Wir reden hier nicht von Abstand, sondern von Augenhöhe, denn OTH meint Amberg, Weiden und Regensburg", mag Professor Erich Bauer die Klagen über das angebliche Süd-Nord-Gefälle nicht mehr hören. Der Rektor der OTH Amberg-Weiden ist mit dem Nordbayernplan hochzufrieden.

Herr Bauer, die Mittel aus Markus Söders Nordbayernplan gehen zu einem großen Teil nach Oberfranken, dann nach Regensburg, der Hochschulstandort Amberg-Weiden folgt erst danach mit deutlichem Abstand - hätten Sie sich mehr erwartet?

Bauer: Alle Projekte, die wir für eine Förderung aus der Nordbayerninitiative eingereicht haben, sind genehmigt worden. Das heißt: Die Mittel kommen für uns zum richtigen Zeitpunkt, im richtigen Umfang und zum richtigen Ort. Man muss die Maßnahmen schließlich auch implementieren können, um durch sie Hochschule und die Region gleichermaßen voranzubringen. Ich habe keinen Grund die Aussage von Staatssekretär Füracker anzuzweifeln, der gesagt hat, dass alles, was aus der Oberpfalz für den Nordbayernplan angemeldet wurde, auch gefördert wird.

Die Maßnahmen der Nordbayerninitiative verstärken das, was wir bereits erreicht haben, sie schärfen weiter unsere Profil und sorgen dafür, dass wir unsere Arbeit in Lehre, Forschung und Technologietransfer nachhaltig unterfüttern.

Wird dadurch der Abstand zur Boomtown und der erfolgreichen Bio-Tech-Region nicht noch größer oder profitiert Amberg-Weiden durch die Kooperation mit der OTH Regensburg ein zweites Mal?

Bauer: Wir reden hier nicht von Abstand, sondern von Augenhöhe, denn OTH meint Amberg, Weiden und Regensburg - also die gesamte Region. Und das bezieht sich auch darauf, dass wir die Leuchttürme gemeinsam bauen. Wissen Sie, ich kann dieses Nord-Süd-Gejammere nicht mehr hören. Dies passt für Korea - nicht aber für die Oberpfalz, die wir gemeinsam, egal, wo wir wohnen oder unser Schreibtisch ist, jeder an seiner Stelle, zur Wissensregion entwickeln werden.

Wir haben im TWO auch weiterhin die beiden zukunftsrelevanten Strategiefelder "Energie und Ressourcen" sowie "Medizintechnik" im Fokus. Eine enge Zusammenarbeit erfolgt dabei in der angewandten Forschung, im Studienangebot, in der Weiterbildung bis hin zum Ausbau des Technologie- und Wissenstransfers in die Wirtschaft der Oberpfalz und darüber hinaus.

Wie viel Geld fließt dadurch zusätzlich in welche konkreten Projekte?

Bauer: Die an der OTH Amberg-Weiden aus dem Nordbayernplan unterstützten Vorhaben sind:

Konzept der OTH Amberg-Weiden zur Einrichtung von Innovativen LernOrten (ILO) in der Hochschulregion in Kooperation mit Unternehmen und Klöstern. Investitionsmittel: 360 000 Euro

Aufbau eines Innovativen LernOrtes mit der Siemens AG, Standort Kemnath, unter Betonung der Medizintechnik und Mechatronik. Investitionsmittel: 240 000 Euro

Gesundheits- und Medizintechnik-Campus Oberpfalz an der OTH in Weiden. Investitionsmittel: 1,5 Millionen Euro

Ausbau des Technologie-Campus an der OTH in Amberg mit einem zweiten Bauabschnitt (Amberger Technologie-Campus ATC). Investitionsmittel: 600 000 Euro

Fortsetzung des "Technologie- und Wissenschaftsnetzwerks Oberpfalz (TWO)" in Kooperation zwischen der OTH Amberg-Weiden und der OTH Regensburg. Investitionsmittel bis 2018: 10,43 Millionen Euro.

Mit welchen Clustern kann sich die mittlere und nördliche Oberpfalz Ihrer Meinung nach langfristig profilieren: erneuerbare Energien, Medizintechnik - erwarten sie dadurch eine signifikante Ansiedlung neuer Unternehmen aus dieser Branche und Ausgründungen aus der Hochschule?

Bauer: Wir haben im OTH-Verbund neben der Medizintechnik und Energie/Ressourcen weitere Cluster definiert, die ein großes Potenzial nicht nur für unsere beiden Hochschulen, sondern für Ostbayern insgesamt aufweisen. Die Inhalte dieser gemeinsamen Forschungscluster reichen von der Automatisierungstechnik, der IT-Sicherheit, der Lasertechnik, Robotik, Materialforschung und Kunststoffverarbeitung bis hin zur Nanochemie, Optoelektronik und Ethik. Dies sind Technologie- und Wissenstreiber, von denen nicht nur die bei uns angesiedelten Unternehmen profitieren, sondern die auch zu Ausgründungen aus den Hochschulen geführt haben und weiter führen.

Gibt es eine Einschätzung, wie viele Arbeitsplätze durch die Ansiedlung der OTH bisher entstanden sind? Wie ist hier die Zukunftsprognose?

Bauer: Wir haben an der OTH Amberg-Weiden 297 hoch qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen. Am Technologie-Campus wurden von den angesiedelten Instituten, Unternehmen und Existenzgründungen über 100 Arbeitsplätze geschaffen. Von unseren 4200 Absolventinnen und Absolventen sind 80 Prozent bei Arbeitgebern in der Hochschulregion tätig, sie arbeiten und leben hier.

Denken Sie auch an das Thema Kaufkraft: Wenn ein Studierender im Monat etwa 500 Euro ausgibt, dann sprechen wir bei 3500 Studierenden von einer monatlichen Kaufkraft in Höhe von 1,75 Millionen Euro, die dem Handel zugute kommt. Die Kaufkraft der Beschäftigten ist hier noch gar nicht eingerechnet.

Was kann die OTH dazu beitragen, Abwanderungen aufgrund der demografischen Entwicklung aus einigen ländlichen Gebieten in Zentren zu steuern?

Bauer: Gegenfrage - wo wären die 3500 Studierenden, die fast 300 Beschäftigten und die 4200 Absolventinnen und Absolventen der OTH Amberg-Weiden, wenn die Hochschule nicht vor 20 Jahren gegründet worden wäre?

Ich behaupte: Die meisten nicht in Amberg oder Weiden, und auch nicht in der Oberpfalz. Die Erfahrung aus den 70er und 80er Jahren zeigt uns: Wer als junger Mensch einmal aus dem ländlichen Raum abgewandert ist, der kommt nicht wieder zurück.
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