"Original-Eindruck nicht verwässern"
Briefe an die Redaktion

Zum Kriegsende vor 70 Jahren:

Bei den Berichten in den letzten Tagen tauchen immer wieder Bilder auf, die sich 1948 bei mir unauslöschlich eingebrannt haben. Als damals 13-Jähriger hatte ich mit Freunden von Massenricht bei Hirschau aus einen Sonntagsausflug mit dem Fahrrad unternommen. Ziel war das KZ. Es war dort offensichtlich nichts verändert, man hatte ja anderes zu tun! Not im Lande lindern und ein beginnender Wiederaufbau des Zerstörten waren wichtiger!

Was wir zu sehen bekamen, war somit unverfälscht und im Original. Das für mich riesige Gelände war noch mit Stacheldraht eingezäunt. Nur uns drei Buben erklärte ein freundlicher Mann, was sich hier abgespielt hatte. Die Lager-Baracken standen noch. Die freie Fläche mit dem Galgen habe ich in Erinnerung. Nicht ein Galgen im herkömmlichen Sinne war es, nein, ein roher Baumstamm, horizontal, auf senkrechten kräftigen Pfosten aufgestelzt. Aus diesem Stamm ragten Haken aus Schmiedeeisen horizontal seitlich heraus. Direkt unter dem Baumstamm war eine hüfthohe Bank, auf der die Delinquenten zum Aufknüpfen zu stehen hatten. Von hinten sollen sie dann von dieser Bank gestoßen worden sein, angeblich vor Zwangszuschauern.

Noch mehr beeindruckt hat mich das "Tal des Todes". In besonderer Erinnerung ist mir geblieben ein Überreste-Berg, zumeist Schuhe, die nicht mit verbrannt worden waren. Vor meinem inneren Auge wird dieser Berg immer gewaltiger, die abgekippte Ladung mehrerer Lastautos war es aber bestimmt. Noch weniger vergessen kann ich aber die unscheinbare Anlage des Verbrennungsgebäudes. Vom oberen Niveau des Lagers gab es eine schräge Rinne aus Eisenblech, auf der angeblich die Toten kräfteschonend herabgeschubst wurden. Auch diese war nur noch in Teilen vorhanden.

Wie uns der Mann erzählte, kamen die Toten dann in den Sezierraum. Dort soll man besonders auf eventuell mit Gold behandelte Zähne geachtet haben. Den Ofen selbst habe ich mit den damals in den Dörfern vorhandenen Brot-Backöfen assoziiert. An der Heizöffnung mit rundbogenförmigem oberen Abschluss hing nur noch an einem Angel ein vor sich hinrostendes Eisentütchen. Die technische Funktion der Anlage ist mir nicht mehr geläufig, aber auch nicht wichtig.

Zwei Punkte schleppe ich seit diesem Besuch mit mir herum: Besuche von noch so würdevollen Denkmalen aus dieser Zeit vermeide ich, um den damaligen Original-Eindruck nicht zu verwässern.

Bei jeder Toten-Verabschiedung oder Urnenbeisetzung tauchen die Bilder des Schuhberges, der Blechrutsche und der schief hängenden Krematoriums-Türe wieder auf. Das kommt aus dem Unterbewusstsein, dagegen komme ich aber nicht an!

Hans KohlWeiden

___

Leserbriefe müssen nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben. Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe sinnwahrend zu kürzen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Mai 2015 (7908)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.