"Pfui Teufel, Herr Präsident Zeman!"

Ein Leser äußert sich zum Artikel "Zeman lehnt Behinderte ab" vom 5. Februar:

"Das Europaparlament hat den Antrag Prags auf eine Aussetzung der EU-Grundrechtecharta abgelehnt", so berichtete es der Nachrichtensender n-tv im Februar 2014. Somit hat sich auch Tschechien als Mitgliedstaat der EU an diese Charta zu halten. In Artikel 21 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union heißt es: "Diskriminierungen insbesondere wegen [...] einer Behinderung [...] sind verboten."

Im Gegensatz zu unserem deutschen Grundgesetz geht die EU-Grundrechtecharta noch weiter und fordert explizit die Integration von Menschen mit Behinderung. So steht in Artikel 26: "Die Union anerkennt und achtet den Anspruch von Menschen mit Behinderung auf Maßnahmen zur Gewährleistung ihrer Eigenständigkeit, ihrer sozialen und beruflichen Eingliederung und ihrer Teilnahme am Leben der Gemeinschaft."

Dann möchte der tschechische Präsident ein nordböhmisches Brauhaus besuchen und erdreistet sich, seine Anwesenheit von der Abwesenheit zweier behinderter Kellner abhängig zu machen. So forderte er vorab deutlich, dass er nicht von Behinderten bedient werden möchte. Und das in einem Brauhaus, in dem seit der Eröffnung vorbildlich mehrere behinderte Menschen beschäftigt sind. Zum Schluss dann noch die absolute Krönung: Zum Aufräumen und Putzen durften die beiden Kellner dann wieder ins Brauhaus zum Arbeiten.

Ja, wo leben wir denn? Ist der alte Mann auch schon im Jahr 2015 angekommen? Wo ist denn hier die soziale und berufliche Eingliederung? Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs waren Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen auch versteckt, weggesperrt und aus der Öffentlichkeit verbannt worden. Toll wäre gewesen, wenn der Brauer den Präsidenten aufgrund dieser Bemerkung - weil er sich von Behinderten belästigt fühlt - samt seinem Gefolge aus der Brauerei rauskomplimentiert und zu seinen Mitarbeitern gestanden hätte. "Herr Präsident, essen und trinken Sie wo Sie wollen, aber nicht bei uns!" Das wäre eine gute Werbung - mit einer kräftigen Schlagzeile - für die Brauerei gewesen! Dass der alte Mann etwas gegen Behinderte hat, wurde mir schon im November 2013 klar. Damals hatte er eine Knieverletzung und sollte den neuen tschechischen Premier Bohuslav Sobotka ernennen. Da er aber aufgrund dieser vorübergehenden Verletzung im Rollstuhl saß, sagte er die Ernennung ab. Als Begründung dafür meinte er: "Falls ich Bohuslav Sobotka zum Premier ernennen sollte, dann wird er warten müssen. Denn das ist eine würdevolle Angelegenheit, die ich nicht vom Rollstuhl aus erledigen kann."

Ja soll das dann heißen, dass Menschen im Rollstuhl weniger Würde besitzen als einer, der stehen und gehen kann? Was würde darüber wohl der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sagen, der seit über 24 Jahren im Rollstuhl sitzen muss?

Herr Zeman sollte sich ein Beispiel an den vielen arbeitenden Menschen mit Behinderung nehmen, die nicht das Glück hatten und nur vorübergehend im Rollstuhl sitzen mussten (so wie er), sondern ihr Leben lang und trotzdem nicht so rumjammern!

Ich persönlich sitze im Rollstuhl, studiere, arbeite und nehme ganz normal am Leben der Gesellschaft teil. Wirklich "behindert" werde ich nicht durch den Rollstuhl, sondern durch solch ein ignorantes und arrogantes Verhalten, wie durch das des Präsidenten. Der kürzlich verstorbene Bundespräsident a. D. Richard von Weizsäcker sagte einst: "Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann."

Vielleicht denkt er mal darüber nach! Ich und auch die anderen Menschen mit Behinderung haben sich diese körperlichen Einschränkungen sicherlich nicht ausgesucht! Eine Behinderung ist nun einmal keine Wahl! Pfui Teufel, Herr Präsident!

Michael Fröhlich, 92685 Floß
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