Pilsen gelobt Besserung beim Besucher-Service

Programmdirektor Jirí Sulženko vor der Westböhmischen Galerie.

Nach personellen Wechseln in der Vorbereitungsphase kamen die Kulturhauptstadt-Macher nur langsam aus den Startlöchern. Inzwischen sieht Programmdirektor Jirí Sulženko Pilsen in der Spur - eine Zwischenbilanz.

Herr Sulženko, Sie hatten vor Beginn des Kulturhauptstadtjahres die Hoffnung geäußert, die Erwartungen beim Anstieg der Übernachtungszahlen und auch bei den Tagesgästen übertreffen zu können. Wie sieht die erste Quartalsbilanz aus?

Sulženko: Ich habe noch keine Statistik, weil das Quartal gerade erst zu Ende ist. Auf jeden Fall ist es uns gelungen die komplette Saison des Neuen Zirkus auszuverkaufen - alle Vorstellungen. Wir haben eine gelungene Eröffnung mit 25 000 Besuchern hinter uns gebracht. Dann das Lichtkunstfestival mit 40 000 Besuchern und die Jirí-Trnka-Ausstellung "Atelier" mit bisher 13 000 Besuchern gehört jetzt schon zu den zehn meistbesuchten Ausstellungen in Tschechien. Die Kollegen von der Tourist-Info haben schon drei volle Leitz-Ordner mit Buchungen von Stadtführungen - im ganzen letzten Jahr reichte ein Ordner.

Gibt es Befragungen,um die Zufriedenheit der Gäste zu eruieren?

Sulženko: Wir machen selbst unsere kleinen Statistiken. Bei der Eröffnung waren sehr viele Besucher aus dem Ausland und auch aus der weiteren Region mit dabei. Wenn man sich die Autokennzeichen in Pilsen anschaut, wird klar, dass sich Besucher aus Deutschland massiv für unser Projekt interessieren. Wir haben ein Evaluationsteam, das bei ausgewählten Veranstaltungen Fragebögen verteilt. Aktuell haben wir sieben Zufriedenheitsberichte, beispielsweise von der Eröffnung, der Saison des Neuen Zirkus und von einigen Ausstellungen, die positiv ausfallen.

Großer Knall zum Eröffnungstag: Der Auftakt mit Straßenkunst, Glocken- und Seiltanzevent zu Formans fantastischer Video-Mapping-Show war der bisherige Höhepunkt - bitte mehr davon!

Sulženko: (lächelt) Danke, gerne ... Was wir alle noch lernen müssen, ist, wie wir uns besser um ausländische Besucher kümmern können. Das heißt, ihnen den Service zu gewährleisten, der von ihnen auch erwartet wird. Und ich glaube fest, dass es uns gelingt, darin noch besser zu werden.

Stell dir vor, es wäre Kulturhauptstadt und keiner bekommt es mit - wir hören immer wieder, dass Pilsen-Gäste, die auf eigene Faust die Stadt besuchen, erzählen: "Von der Kulturhauptstadt keine Spur."

Sulženko: Wir konzentrieren uns auf den Beginn der touristischen Saison, die gerade beginnt. Demnächst wird ein Navigationssystem installiert - Punkte in Pink, die auf Gehsteige vor bedeutenden Institutionen und Veranstaltungsorten geklebt werden mit entsprechender Beschriftung. Gleichzeitig beginnen Veranstaltungen im öffentlichen Raum, beispielsweise "Zen Plzen", bei denen jeden Monat an einem bestimmten Standort in der Stadt eine Kunstinstallation entsteht. Im Mai startet die Aktion "Kontejnery k svetu" - übersetzt Container zur Welt - das bedeutet auf Tschechisch auch Container mit Blick auf das Schöne.

Man muss wissen wann und wo ...

Sulženko: Es war nicht unser Ziel, die Stadt mit Werbeplakaten zu überfrachten. Wir wollen den öffentlichen Raum kultivieren. Und natürlich sind viele Veranstaltungen auch wetterabhängig. Jetzt kommt der Frühling und zusammen mit ihm gehen wir auf die Straßen. Wir wollen gar nicht als ein Ganzjahresfestival auftreten. Bei uns stehen eher die langfristigeren Projekte im Vordergrund. Trotzdem bin ich überzeugt, dass der Platz der Republik und die Innenstadt in nächster Zeit intensiv belebt sein werden.

Eine Reihe Pilsener Künstler fühlt sich nicht ganz so eingebunden: Hätte Petr Kozels Street-Art-Festival mit europäischen Straßenkünstlern der Stadt nicht gut zu Gesicht gestanden und ein fünfteiliges Großprojekt mit Václav Malina nicht für noch mehr Identifikation sorgen können?

Sulženko: Wir nehmen diese Kritik wahr. Das Programm von P 2015 entstand die letzten fünf Jahre und wir haben klar gesagt, dass Vorschläge bis Ende 2014 eingereicht werden können.

Wenn wir uns die aktuellen Zahlen anschauen, haben wir in den Jahren 2014/15 bis jetzt 160 Millionen Kronen ins Programm investiert - davon haben unsere Pilsener Kooperationspartner etwa 48 Millionen Kronen bekommen, 46 Millionen Kronen die europäischen und Partner auf nationaler Ebene und zirka 20 Prozent flossen in eigene Produktionen. Das zeigt, wie ausgewogen das Programm ist und dass die Pilsener Kultur-Akteure die gleichen Chancen hatten. Man darf nicht vergessen, dass die Kulturhauptstadt ein Projekt mit europäischer Dimension ist. Wir verfügen über ein begrenztes Budget, über eine begrenzte Infrastruktur, mit der Veranstaltungen durchgeführt werden können. Und deshalb ist es verständlich, dass nie alle zufrieden sein können.

Haben die Pilsener Künstler da was missverstanden?

Sulženko: Ich selber bin seit zwei Jahren bei Pilsen 2015 und seit meinem ersten Tag haben wir versucht, bei öffentlichen Projektpräsentationen das Programm und unseren Ansatz zu erklären. Wir sprachen mit Hunderten von Leuten und machen das immer noch, wenn Interesse besteht. Bei einer persönlichen Begegnung ist das leichter, als wenn man sich nur unsere Website oder die Veröffentlichungen anschaut.

Denken Sie denn, dass die Kritiker Sie inzwischen besser verstehen?

Sulženko: Ich weiß nicht, wann die Tschechen kapieren, dass sie Europäer sind.

Wie fortgeschritten sind die Planungen für das Gründerzentrum für Kreativ-Wirtschaft?

Sulženko: Dafür ist Depot-2015-Managerin Sonja Rychlíková verantwortlich. Das Zentrum wird im kleineren Rahmen im April eröffnet.

Welche Programme funktionieren bisher besonders gut?

Sulženko: Ich denke, dass die Saison des Neuen Zirkus ein großer Erfolg war. Sehr gut läuft die Ausstellung "Trnkas Atelier". Mich selbst erstaunt die große Besucherzahl beim Lichtkunstfestival. In der größten Tageszeitung, der Mladá Fronta Dnes, stand zu lesen, dass sich die Pilsener selbst überraschten, als sie bei eisigem Winterwetter zu einem Spaziergang durch die Stadt aufbrachen.
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