Pilsener Spaziergang

Fassaden von Gotik bis Neo-Renaissance am Pilsener Platz der Republik: Die Flaniermeile der Pilsener ist so groß, weil hier einmal der womöglich größte Rindermarkt Europas abgehalten wurde. Bilder: Herda
 
Die Pilsener wollten schon immer hoch hinaus: Die Pestsäule vor der Bartholomäus-Kathedrale krönt eine vergoldete Madonna mit Jesu-Kind.

Wenn die Größe des Marktplatzes, heute Námestí republiky, mit dem Kontostand des Rathauses korreliert, waren die Pilsener zur Zeit Karls IV. Rindvieh-Milliardäre - die wichtigste Währung jener Zeit, und die brauchte mehr Platz als schwindsüchtige Derivate der Neuzeit.

Triumphales Symbol für die Potenz der neureichen Bürger war die 58 Meter lange und 30 Meter breite Kathedrale St. Bartholomäus (Bau ab 1330). Ihr Nordturm ist mit 103 Metern der höchste der Republik, für den Südturm hat das Geld nicht mehr gereicht. Im Innern gehören die gotische Pilsener Madonna am neogotischen Hauptaltar und die Sternbergkapelle im Presbyterium zu den Hinguckern.

Den Höhepunkt erreichte die wirtschaftliche Blüte im 16. Jahrhundert, als sich selbst die Metzger protzige Renaissance-Fleischläden hochziehen ließen (heute Westböhmische Galerie, Kunst der Gotik, Pražska 18, www.zpcgalerie.cz). Zu den Prachtexemplaren am Platz der Republik gehören das Rathaus des Architekten Giovanni de Statia (Nr. 1) und das Chotesov-Haus (Nr. 13) mit dem Ethnographischen Museum (Alltagsleben mit bürgerlichen Wohnräumen vom 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart). Der Ruf Pilsens war so klangvoll, dass sich Anfang des 17. Jahrhunderts sogar Kaiser Rudolf II. während der Prager Pestepidemie für kurze Zeit hier niederließ, um das Habsburger Imperium von der westböhmischen Hauptstadt aus zu regieren. Das für ihn umgebaute Kaiserliche Haus (links neben dem Rathaus) hat er aber nie bezogen.




Nach dem Dreißigjährigen Krieg war die katholische Kirche die bestimmende Supermacht der Stadt - die Kloster von Plasy, Teplá und Chotesov hatten ihre Häuser in bester Lage. Sichtbares Zeichen der Rekatholisierung ist die Barockkirche St. Anna, seit 1714 Bestandteil des Dominikanerinnenklosters. Der Sitz des Bistums, das altrosa-weiße Doppelgiebelhaus am Platz der Republik 35, ist einer der schönsten Barockbauten der Stadt.

Karl IV. und die Juden

"Verprügeln der in der Stadt wohnhaften Juden vermeiden und jeden, der gegen diesen Befehl verstößt, streng bestrafen", lautete eine Anweisung Kaiser Karls IV. von 1338. Der rhetorische Schutzschild hielt bis 1504, als die Gemeinde "für ewig und immer" vertrieben werden sollte - die zweitgrößte jüdische Gemeinde des Landes war bis 1643 verschwunden. Erst im 19. Jahrhundert gab es einen erneuten Aufschwung jüdischen Lebens, der im Bau der drittgrößten Synagoge der Welt gipfelte: 1892 wurde das reich ornamentierte Gebäude Max Fleischers im neoromanischen Stil mit maurischen Anklängen an den Sady Petatricátniku 11 eingeweiht (www.zoplzen.cz).



Schöne Beispiele von Jugendstil-Architektur findet man im Haus "Zum Ritter" in der Hálkova, schöne Wohnhäuser in der Klatovská. Den opulenten Bahnhof entwarf Rudolf Stech 1907 als Neo-Renaissance-Palast. Zwischen den beiden Weltkriegen stieg Pilsen zu einer führenden Industriestadt auf - Aushängeschilder waren und sind die Maschinenbauwerke des Emil Ritter Skoda (mit Voranmeldung können Gruppen ab zehn Personen die Skoda-Werke besichtigen: www.skoda.cz) und die weltberühmte Brauerei. Der Komplex ist eine eigene Bierstadt, die durch ein Triumphtor betreten wird - mit Restaurantsälen im ehemaligen Garkeller und Ausstellungsräumen, Fon (00420) 377 062 888, U Prazdroje 7, www.pilsner-urquell.de.



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Der historische Spaziergang durch die Stadt Pilsen ist dem Reiseführer "Goldene Straße" entnommen. Siehe auch www.goldenestrasse.eu
Weitere Beiträge zu den Themen: Pilsen 2015 (49)Januar 2015 (7957)
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