Pilsener Strippenzieher

Programmdirektor Jirí Sulženko vor dem gotischen Giebel der Westböhmischen Galerie, den mittelalterlichen Fleischbänken der Stadt. Im Turm gegenüber residiert die Schaltzentrale der Organisationsgesellschaft Plzen 2015 o.p.s. Bild: Herda

Es war Sand im Getriebe der Organisationsgesellschaft Plzen 2015 o.p.s. Seit Jirí Suchánek als Direktor und Jirí Sulženko als Programmdirektor das Ruder übernahmen, läuft es wieder rund mit der Vorbereitung des Mega-Projektes Kulturhauptstadt 2015.

Herr Suchánek, Sie stammen aus dem Ceský Raj, übersetzt das Böhmische Paradies, ein Landschaftsschutzgebiet in Nordböhmen. Wie fühlt man sich, wenn man aus dem Paradies nach Pilsen kommt - welche Beziehung hatten Sie zuvor zur westböhmischen Biermetropole?

Suchánek: (lacht) Im Pilsener Paradies zu landen, war einfach. Das Leben in Pilsen ist sehr angenehm und die Stadt hat sich den Titel einer Kulturhauptstadt redlich verdient. Im Rahmen meines Werdegangs war ich immer in den Bereichen Kultur und Marketing tätig - hier liegt der Schwerpunkt meiner Kontakte - auch zur Staatsverwaltung.

Herr Sulženko, Sie kommen aus der Hauptstadt in die Provinz - können Sie sich als Prager Theatermann für die Kulturszene Pilsens erwärmen?

Sulženko: Nojo, ich habe in Prag sieben Jahre am Stadtrand gearbeitet und dabei die örtliche Kultur besonders unterstützt, weil ich sie für genauso wichtig halte wie die Kunst der Metropole. Dasselbe versuche ich hier. Ich bemühe mich, die örtliche Kultur auf ein höheres Niveau zu heben. Wichtiges Mittel dazu sind Kooperationen. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Eines der besten Beispiele ist die Westböhmische Galerie, die bereits auf europäischem Level agiert. Kooperationen mit München haben das weiter verstärkt. Es gibt auf der einen Seite etablierte Institutionen wie das J.-K.- Tyl-Theater, auf der anderen weniger sichtbare Akteure, junge Kunsthandwerker, Musikklubs, die Fakultät für Design und Kunst. Das ist ein wichtiges Potenzial für die Zukunft. Und die schreiben bereits Erfolgsstories: Ein Absolvent bekam den Chalupecký-Preis, das MoMa in New York hat von ihm entworfene Schuhe gekauft.

Herr Suchánek, inwiefern kann die Kulturhauptstadt von Ihren Erfahrungen als stellvertretender Manager des tschechischen Pavillons der Expo 2010 in Shanghai profitieren?

Suchánek: Einmal auf der praktischen Ebene, bei der professionellen Organisation der Veranstaltungen - Gästeservice, Sicherheit, Performance. Zweitens gibt es auch eine diplomatische Komponente, weil der Erfolg unseres Projektes nicht nur an Zuschauerzahlen und Medienecho gemessen wird, sondern auch wie es gelingt, wichtige politische Akteure einzubinden. Wir haben mit Regensburg, Schönsee und dem neuen Kooperationspartner bayern design unser Netzwerk ständig erweitert.

Herr Sulženko, Sie waren Hochschullehrer der Damu, der Theaterfakultät der Akademie der Musischen Künste in Prag - können Sie Ihre pädagogischen Fähigkeiten bei den Preis-Verhandlungen mit den Künstlern jetzt einsetzen?

Sulženko: Ich habe einen guten Überblick über die Kulturszene und kann so besser vergleichen. In den eineinhalb Jahren, die ich nun in Pilsen bin, habe ich mit Hunderten von Kulturakteuren Gespräche geführt - aktuell haben wir etwa 150 Partner, 70 Prozent kommen aus Pilsen.

Herr Suchánek, Sie sind bereits der fünfte Direktor von P15 - und hoffentlich der letzte? Was verursachte diesen enormen Verschleiß, was machen Sie jetzt besser?

Suchánek: Offiziell bin ich der dritte amtierende, die beiden anderen waren beauftragte Direktoren. Einer von Ihnen ist Herr Sulženko hier neben mir. Was ich versuche, besser zu machen? Intensiver mit der Stadt zu kommunizieren und näher bei der Bevölkerung zu sein. Das Kulturhauptstadt-Projekt ist kein einfaches. Viele Aufgaben und Hürden werden von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Ich versuche die Punkte zu kommunizieren, die sichtbar sind - der Karussell-Event, der bereits im Herbst Vorfreude auf 2015 weckte, oder den Meetingpoint am Marktplatz. Eine andere schwierige Aufgabe ist es, Unternehmen mit einzubinden.

Beim Auftakt der Karussell-Veranstaltung waren 25 000 Pilsener am Marktplatz - ein gutes Omen?

Suchánek: Das war ein Impuls für das ganze Team und aus praktischer Sicht ein Testlauf für die Sicherheitsmaßnahmen. Seit der politischen Wende 1989 waren nicht mehr so viele Menschen am Marktplatz.

Herr Suchánek, Herr Sulženko, sind alle Programmpunkte bereits durchfinanziert und wie verteilen sich die Mittel?

Sulženko: 2015 ist durchfinanziert, allerdings ist kein Geld mehr für die geplante Nachbereitung in 2016 da.

Suchánek: Deshalb führen wir Gespräche mit dem Kulturministerium und dem Privatsektor. Aus der Erfahrung von Linz haben wir gelernt, dass es sehr wichtig ist, Geld für das Folgejahr in Reserve zu halten, das rettete dort einige Projekte.

Woher stammen die 20 Millionen Euro, die seit 2009 bis jetzt in das Projekt flossen?

Suchánek: Das ist der Gesamtbetrag für Programm, Organisation, Marketing und Personal. 17 Millionen wurden über unsere Gesellschaft abgewickelt, drei Millionen sind von der Stadt beantragte Fördergelder. Von diesen 17 Millionen trägt die Hälfte die Stadt, 20 Prozent das Prager Kulturministerium, 15 Prozent der Bezirk, acht Prozent stammt vom Melina-Merkuri-Preis der EU für die gute Vorbereitung des Programms. Dazu kommen noch eine Reihe Ziel-3-Anträge. Der Rest verteilt sich auf Sponsoren und Eintrittsgelder. Nach wie vor sind wir mit Sponsoren im Gespräch - wir hoffen da noch auf 1 bis 2 Prozent der Gesamtsumme, sind aber nicht böse, wenn es mehr wird.

Herr Sulženko, wissen Sie noch, welche Städte 2010 Europas Kulturhauptstädte waren?

Sulženko: Das müssten Pécs und Essen gewesen sein ...

Essen, das sich gegen Regensburg durchsetzte, Pécs und Istanbul ...

Sulženko: Ah ja. Ich finde es richtig, dass die Kommission auf Nachhaltigkeit großen Wert legt. Es gibt genügend Beispiele, die das zeigen - Linz etwa, wo noch heute fünf große Projekte laufen. Die ganze Atmosphäre hat sich verändert. Ich finde die Entscheidung, Titel an kleinere Städte zu verleihen, richtig. Dort ist das spürbarer als in Megacitys wie Istanbul. Deshalb hat auch das Projekt in Prag keine tiefen Spuren hinterlassen.

Mit welchem Besucherzuspruch rechnen Sie?

Sulženko: In Schnitt aller Kulturhauptstädte kamen 25 Prozent mehr Gäste. Unser Ziel ist ein Zuwachs von 35 Prozent. Schon in den ersten neun Monaten heuer hatten wir 16 Prozent mehr Gäste. Viele Hotels sind 2015 bereits ausgebucht. Wir freuen uns über alle Besucher, aber den stärksten Zuwachs erwarten wir im Umkreis von 300 Kilometern.

Suchánek: Das touristische Plus von 16 Prozent muss auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass Tschechien insgesamt ein Minus von 3 Prozent verzeichnet. Wenn unser 35-Prozent-Ziel gelingt, müssten etwa 200 Millionen Kronen zurückfließen, die die Touristen hier ausgeben. Im Depo 2015 entstehen jährlich zwei bis drei Firmen, die Arbeitsplätze schaffen. Wir unterstützen diese Entwicklung durch die Vermittlung von Kontakten zu Czech-Invest oder dem Wirtschaftsministerium. Wir geben nicht nur Geld aus, wir kümmern uns auch um den Rückfluss von Mitteln.

Herr Sulženko, ein Ziel der Kulturhauptstadt-Philosophie ist die nachhaltige Entwicklung der Kulturszene - wie gut ist das in Pilsen gelungen, wie geht's weiter?

Sulženko: Wir fördern die Professionalisierung der Kulturszene. Aktuell laufen an der Kunst-Fakultät die dritten Art-Management-Kurse. 250 Akteure haben bereits daran teilgenommen. Wir haben das Projekt "Elefant" zur Förderung junger Künstler über Crowd-Funding entwickelt. Wir stärken die Kulturwirtschaft durch Zusammenarbeit von 20 Grafikern, Designern, Programmierern und anderen Kreativberufen. Projekte wie der "Europäische Tag der Nachbarn" oder das Freiwilligenprojekt "Engel" stärken die Zivilgesellschaft.

Herr Sulženko, sehen Sie Ihre Mission am 31. Dezember oder nach Projektende als beendet an oder beginnt dann nur eine neue Phase der Kulturhauptstadt?

Sulženko: Unsere Vision: Wir entwickeln das Konzept auf dem Gelände des Depo 2015 mit sieben, acht Mitarbeitern weiter. Ich denke, wir bekommen dabei breitgefächerte Unterstützung von allen politischen Seiten. Sowohl der neue Oberbürgermeister als auch der Kulturbürgermeister haben das Konzept in Brüssel überzeugend präsentiert. Die ergänzen sich gut, auch wenn der eine eher Kulturliebhaber, der andere mehr Kulturwirtschaftler ist.
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