"Positive Seiten nach außen tragen"

Das IHK-Gremium Weiden mit seinen 36 Mitgliedern vertritt die Interessen der regionalen Wirtschaft (Stadt Weiden, Landkreise Neustadt/WN und Tirschenreuth) gegenüber den Kommunen und politischen Akteuren. Wir sprachen mit Vorsitzendem Gerhard Ludwig, Bernd Fürbringer, Josef Kallmeier, Martin Stangl und Geschäftsführer Florian Rieder über aktuelle Themen.

Herr Ludwig, welche Themen stehen aktuell auf der Tagesordnung des IHK-Gremiums Weiden?

Gerhard Ludwig: Wir forcieren das Thema Elektrifizierung der Bahn von Hof bis Regensburg. Deshalb haben wir den Verkehrsminister in Berlin besucht, um die Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan zu erreichen. Jetzt sind die Politiker dran, damit das 2016 passiert. Außerdem beschäftigen wir uns mit dem Thema OTH und Bildungsoffensive. Wie können wir die Zusammenarbeit unterstützen? Welche Branchen bilden einen Schwerpunkt und was benötigen die?

Selbstvermarktung und Selbstdarstellung werden im digitalen Zeitalter immer wichtiger. Wie kann die Wirtschaft in der Region ihr regionales Profil stärken?

Gerhard Ludwig: Dazu müssen wir selbstbewusst auf unsere Schlüsselbranchen verweisen, die uns auch von anderen Regionen unterscheiden: Nehmen Sie zum Beispiel den Schwerpunkt Intralogistik um die Firmen Witron, Sitlog und IGZ. Da geht es um Steuerung von Waren und Produktflüssen innerhalb von Unternehmen, also Anlagenbau und zugehörige Software. Ferner sind Qualifzierungseinrichtungen wie die EDV-Schulen Wiesau sehr gefragt. Weitere Pluspunkte sind die OTH und der Bereich E-Commerce.

Während die Oberpfalz - auch die nördliche - mit einer niedrigen Arbeitslosenquote von drei Prozent an der Spitze des Freistaats liegt, beträgt sie in Weiden immer noch sieben Prozent. Was tun?

Gerhard Ludwig: In diesem Zusammenhang haben wir uns vergangenes Jahr stark engagiert für das Gewerbegebiet Weiden West 4. Das hält das Gremium für eine grundlegende Weichenstellung für die Wirtschaftsleistung Weidens. Da geht es vor allem um Flächen für bereits angesiedelte Unternehmen, die sich erweitern wollen. Es sollen 3000 Arbeitsplätze im Produktionsbereich entstehen.

Warum beklagt die IHK den sogenannten Akademisierungswahn?

Florian Rieder: Mehr Leute entscheiden sich bundesweit erstmals für ein Studium als für eine berufliche Ausbildung. Wir brauchen beides - aber das Gleichgewicht ist momentan gestört. Deshalb gibt es jetzt ein ganzes Maßnahmenbündel unter dem Stichwort "Karriere mit Lehre", da wollen wir jungen Menschen bewusst machen: Du kannst dich ruhigen Gewissens deinen Neigungen hingeben und hast alle Weiterbildungsmöglichkeiten. Wir müssen ihm aber auch zeigen, wie er mit Weiterbildung die Lücke zum Akademiker schließen kann.

Josef Kallmeier: Genau so ist es. Was hilft es denn, wenn jeder studiert hat? Die besten Chancen ergeben sich künftig da, wo Engpässe entstanden sind. Ein guter Handwerker wird wesentlich bessere Chancen haben als ein normaler Kaufmann.

Die Alterstruktur in der nördlichen Oberpfalz erregt Besorgnis. Die Demografen sagen voraus, dass die Bevölkerungszahl bis 2030 um 9 Prozent sinkt. Im Landkreis Tirschenreuth sollen es sogar 13 Prozent sein.

Bernd Fürbringer : Ich bin der Meinung, wenn wir gemeinsam aktiv dagegen vorgehen, werden diese Prognosen nicht eintreten. Da müssen wir Kräfte in der Region bündeln. Ich sehe es an unserer Firma - wir haben einen Fachkräftebedarf. Es geht auch darum, unsere Region so gut darzustellen, dass die jungen Leute sagen: Mensch, da kann ich als Ingenieur auch groß werden. Da kann ich innerhalb von zehn Jahren sogar zum Prokuristen oder gar zum Geschäftsführer aufsteigen, und nicht in München zehn Jahre lang als Ingenieur für irgendwelche Radmuttern zuständig sein. Diese Chance bieten eben die Unternehmen in unserer Region, die zum Großteil noch familien- oder inhabergeführt sind.

Gerhard Ludwig: Es bieten sich wirklich große Chancen bei uns. Zu den weiteren Stärken gehört die Lebensqualität in der Region. Ich sag' immer, in München muss ein Beamter im Mittleren Dienst schauen, dass er sich eine Wohnung leisten kann, bei uns kann er sich ein eigenes Haus bauen. Wir müssen wirklich unsere positiven Seiten mehr nach außen tragen. Der erwähnte Schwerpunkt Intralogistik ist ein gutes Beispiel für junge Leute. Fragt man nämlich zum Beispiel in München nach der nördlichen Oberpfalz, kennt die so gut wie keiner. Aber bei uns ist das Leben und Wohnen am preiswertesten.

Bernd Fürbringer: Das Problem ist, dass die nördliche Oberpfalz kaum einer kennt. Wenn wir uns bei Messen in München mit unserem bundesweit tätigen Hightech-Unternehmen präsentieren, können wir die Studenten begeistern. Wenn wir dann aber im weiteren Gespräch unseren Standort, das unbekannte Waldsassen, nennen, verlässt die Begeisterung für unsere Firma ihr Gesicht. Wir schaffen es nicht, den Standort Waldsassen als genauso interessant wie den Standort München zu präsentieren.

Martin Stangl: Dabei haben wir hier eine einzigartige Lebensqualität. Gerade kulturell können wir uns glücklich schätzen. Es finden Top-Lesungen mit prominenten Autoren statt. Erst am Wochenende waren die Prager Symphoniker in der Max-Reger-Halle zu Gast. Als Rotary-Präsident darf ich noch anmerken, dass es sechs Service-Clubs in der Region gibt. Das zeigt die Einstellung, dass man miteinander Gutes tun möchte. Als Vertreter des Einzelhandels weiß ich natürlich, dass es momentan in der Stadt Weiden problematisch ist. Aber wir sehen Licht am Ende des Tunnels. Die Stadtgalerie soll und muss kommen, und zwar möglichst schnell. Da gibt es einen breiten Konsens unter den Händlern. Außerdem wir haben uns auf verschiedenen Ebenen prächtig entwickelt. So beweist der neue Kundenspiegel - mit Weiden auf Platz 14 in Deutschland - einmal mehr, dass wir mit überdurchschnittlichem Service und Freundlichkeit Kunden halten können. Und eine Studie im Auftrag der IHK zeigt, dass tschechische Bürger trotz eines vergleichbaren heimischen Angebots gerne in der Grenzregion einkaufen. Hier sehe ich ein Riesenpotenzial für die Zukunft.

Dann wagen wir doch zum Abschluss einen Blick in die Zukunft: Wo steht die Region Nordoberpfalz in zehn Jahren?

Gerhard Ludwig: Wir haben wegen des gesamten Umfelds eine gute Perspektive. Das zeigt sich auch an den aktuellen Beschäftigen-Daten. Die Aufgabe der Unternehmen wird sein, die Stärken zu stärken und Dinge, die stören, abzubauen. Schließlich haben wir Menschen, die zu ihrem Unternehmen stehen und bereit sind, sich zu engagieren. Das sehen sie unter anderem am Krankenstand, der weit unter dem Durchschnitt liegt. Eine weitere Steigerung der Attraktivität wird die Anziehungskraft erhöhen, da bin ich sehr optimistisch. Die Region hat eine gute Zukunft.
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