Prozess des Pop-Sternchens gegen ihren Produzenten
Kesha gegen die Musikindustrie

Kesha (links) erhielt in der umstrittenen Affäre Unterstützung unter anderem von Grammy-Gewinnerin Taylor Swift (rechts), die 250 000 Dollar gespendet hatte. Bild: dpa

Neue Talente verheizt die US-Musikindustrie gnadenlos. In dem sich immer schneller drehenden Karussell sieht sich Pop-Sternchen Kesha als Opfer eines machthungrigen und gewaltbereiten Produzenten. Ist ihre Klage nur Taktik, um sich aus einem Knebelvertrag freizuboxen?

Los Angeles. Am Anfang klingt es wie ein Märchen aus der Welt des Pop. Kesha Rose Sebert soll eigentlich Psychologie studieren, als sie die High School besucht. Doch als Star-Produzent Dr. Luke ihre Demo-Aufnahme hört, sollte sich Seberts Leben schlagartig ändern. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag bricht sie die Schule ab, unterschreibt einen Plattenvertrag und zieht von Nashville im ländlichen Tennessee nach Los Angeles. Ihr altes Leben lässt sie als neue Sängerin Kesha zurück. Nun warten Glitzer, Geld und Glamour.

Aber L. A. ist für Neulinge ein hartes Pflaster, und Dr. Luke entpuppt sich als machthungriger, sexistischer und gewaltbereiter Unterdrücker - jedenfalls, wenn man Keshas Anklage glauben will. Im 2014 begonnenen Rechtsstreit gegen ihren langjährigen Produzenten haben sich prominente Kolleginnen wie Taylor Swift, Ariana Grande, Lady Gaga und Kelly Clarkson eingeschaltet. Zuletzt stellte sich Superstar Adele in ihrer Dankesrede bei den Brit Awards in der Nacht zum Donnerstag demonstrativ hinter sie.

Die Sängerin bedankte sich: "Ich kann nicht glauben, dass sich so viele Leute weltweit die Zeit genommen haben, mir Liebe und Rückhalt zu geben. Anderen Entertainern, die bewusst ihre Karriere aufs Spiel gesetzt haben, indem sie mich unterstützen, bin ich für immer dankbar."

Vergewaltigungsvorwürfe


Die Vorwürfe wiegen schwer. Über zehn Jahre soll Luke, der mit bürgerlichem Namen Lukasz Gottwald heißt, die Newcomerin sexuell bedrängt und psychisch terrorisiert haben. Mit der auch als K.-o.-Tropfen bekannten Droge GHB soll er sie bewusstlos gemacht und vergewaltigt haben, bevor sie der Anklage zufolge nackt in einem Hotelzimmer aufwacht und verzweifelt ihre Mutter anruft. In einem anderen Fall soll er sie im Flugzeug unter Drogen sexuell bedrängt haben. Wie es in Gerichtsdokumenten heißt, droht der Produzent immer wieder, Keshas Karriere, Familie und ihr ganzes Privatleben zu zerstören, wenn die Sache ans Licht kommt. Texte, Gesang, Kleidung, Körper und Auftreten - Luke soll alles an der inzwischen 28-Jährigen beleidigt haben, bis sie sich "komplett wertlos" fühlt. Sie sei ein "fetter Kühlschrank", der endlich abnehmen müsse, habe er gesagt.

Kurz vor Ende 2013 kommt nach Angaben von Keshas Mutter der Crash: Sie bekommt einen Anruf der mittlerweile angeblich bulimischen Tochter, die beichtet, wie häufig sie sich in letzter Zeit übergeben habe. Wenige Wochen später lässt sie sich für zwei Monate in einer Klinik für Essstörungen behandeln. Nun will sie aus dem indirekt mit Sony geschlossenen Vertrag aussteigen, um den Alptraum zu beenden.

Nur Vertragsausstieg?


Der im Business bekannte Dr. Luke, der ein Händchen für Hits hat und mit Britney Spears und Kelly Clarkson dicke Erfolge eingefahren hat, will die Klage nicht auf sich sitzen lassen. Keshas Vorwürfe seien "glatte Lügen", um Änderungen im Plattenvertrag zu erzwingen oder vorzeitig auszusteigen, teilt seine Anwältin mit. Luke schießt mit einer Gegenklage in New York wegen Vertragsbruchs zurück und verklagt Keshas Mutter Pebe Sebert gleich mit.

"Ich habe Kesha nicht vergewaltigt, und ich habe nie Sex mit ihr gehabt", schreibt er auf Twitter. "Ich habe drei Schwestern und eine Tochter und einen Sohn mit meiner Freundin und eine feministische Mutter, die mich richtig erzogen hat." Er und die Sängerin seien lange Freunde gewesen. Trotz "kreativer Differenzen" waren die Alben "Animal" (2010) und "Warrior" (2012) ein Erfolg. Das blonde Partygirl, wie Kesha sich verkauft, sei "schwer zu bändigen", schreibt der "New Yorker" unter Berufung auf Dr. Luke 2013. Über ihren Song "Die Young" (auf Deutsch: "Stirb jung"), den Radiosender nach einem Amoklauf aus dem Programm streichen, sagt Kesha, sie sei zu dem umstrittenen Text "gezwungen" worden. Später rudert sie zurück.

Bis ein Machtwort gesprochen ist, könnten Monate vergehen. Da Keshas Antrag auf einstweilige Verfügung mangels ausreichender Beweise abgewiesen wurde, muss sie den Vertrag mit Luke vorerst einhalten. Das heißt: noch mindestens vier weitere Alben aufnehmen. Dazu fühlt sich das Pop-Girl nicht in der Lage und sieht den großen Traum platzen. Keshas großer Hit "Tik Tok" liegt schon jetzt mehr als sechs Jahre zurück. Für ein Comeback wäre ein echter Knaller nötig - und möglicherweise auch ein neuer Produzent.
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