Prozess gegen ehemaligen Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning
„Erzählen Sie die Wahrheit!“

Der früheren Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning sitzt mit gesenktem Blick auf der Anklagebank. Dem 94-Jährigen wird Beihilfe zum Mord in mindestens 170 000 Fällen vorgeworfen. Bilder: dpa

Leon Schwarzbaum hat das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Im Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold Hanning tritt der 94-Jährige als Zeuge auf. Doch sein größter Wunsch bleibt unerfüllt.

Detmold. Es ist der erste Moment, in dem der ehemalige SS-Wachmann den Blick hebt. Wenn auch nur für ein paar Sekunden. "Sprechen Sie an diesem Ort über das, was Sie und Ihre Kameraden getan oder erlebt haben!", ruft Leon Schwarzbaum dem Angeklagten mit bebender, aber kraftvoller Stimme aus dem Zeugenstand zu. Schließlich seien beide bereits 94 Jahre alt, stünden bald vor dem "höchsten Richter". Doch Reinhold Hanning, der als ehemaliger Wachmann des NS-Vernichtungslagers Auschwitz auf der Anklagebank sitzt, strafft kurz seinen Rücken, sinkt in sich zusammen und schweigt.

Beihilfe zum Massenmord


Der 94-jährige Schwarzbaum hat das Lager überlebt. Am Donnerstag, dem ersten Verhandlungstag in einem der letzten großen NS-Prozesse, berichtet er vor dem Landgericht Detmold vom Grauen, das er erleben musste. Seine Aussage soll die Tötungsmaschinerie veranschaulichen, von der auch der Angeklagte ein Teil gewesen sein soll: Als Wachmann soll Hanning beim Massenmord in Auschwitz geholfen haben. Beihilfe zum Mord in 170 000 Fällen lautet der Tatvorwurf. Der Verlesung der Anklage folgt Hanning ohne sichtbare Regung. Mit den kleinen Trippelschritten eines Greises ist der 94-Jährige in den Gerichtssaal gekommen, das Kinn zur Brust gezogen, um möglichst jedem Blick auszuweichen. Sein Verteidiger macht am Donnerstag deutlich, dass sich der Angeklagte zumindest derzeit nicht zur Sache äußern wird.

Angeschlagene Gesundheit


Hanning ist nach Angaben seines Anwalts gesundheitlich angeschlagen, verhandlungsfähig für zwei Stunden pro Tag. "Wir hatten Angst, dass er den ersten Verhandlungstag nicht überstehen wird, körperlich und auch psychisch", sagt sein Verteidiger nach dem ersten Gerichtstag.

Laut Staatsanwaltschaft kam der Angeklagte 1942 als Wachmann nach Auschwitz. Er stieg schnell auf, war später SS-Unterscharführer. Das hatte Hanning in einem ersten Verhör 2013 mit der Polizei eingeräumt. Allerdings bestritt er dabei, selbst getötet und Bescheid gewusst zu haben.

Als Ort des systematischen Mordens beschreibt die Anklageschrift das Vernichtungslager: Getötet wurde in den Gaskammern, fast jedes Wochenende gab es Massenerschießungen. Wer zu krank oder zu schwach zum Arbeiten war, wurde vergast. Dem Angeklagten soll das alles bekannt gewesen sein. Mehr noch: Er müsse gewusst haben, dass das System nur funktionierte, weil es durch Gehilfen wie ihn bewacht wurde, begründet Ankläger Andreas Brendel am ersten Verhandlungstag den Beihilfevorwurf.

Gerechtigkeit ist es, auf die der ehemalige Auschwitz-Gefangene Schwarzbaum hofft. "Die SS war grausam und sadistisch", klagt er im Gericht an. Dieses Eingeständnis von einem der Täter zu hören, wäre sein großer Wunsch: "Ich will, dass er endlich die Wahrheit sagt."
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