Prozess um Anti-Baby-Pille
Keine schnelle Entscheidung in Sicht

Felicitas Rohrer mit einer Packung der Anti-Baby-Pille "Yasminelle" im Landgericht in Waldshut-Tiengen (Baden-Württemberg). Bild: dpa

Wie gefährlich ist die millionenfach eingenommene Anti-Baby-Pille "Yasminelle"? In einem Gerichtsprozess im Südwesten geht eine Frau gegen den Pharmariesen Bayer vor. Es steht Aussage gegen Aussage. Die Justiz steht vor vielen Fragen.

Waldshut-Tiengen/Regensburg. (dpa/gib) Im Prozess um eine mögliche Gesundheitsgefahr durch die Anti-Baby-Pille "Yasminelle" ist der Versuch einer Einigung zwischen Klägerin und Hersteller gescheitert. Nach knapp fünf Stunden Verhandlung vertagte das Landgericht im baden-württembergischen Waldshut-Tiengen den Prozess am Donnerstag auf das nächste Jahr. Man betrete mit dem Verfahren Neuland, sagte der Vorsitzende Richter Johannes Daun. Eine außergerichtliche Einigung sei nicht möglich gewesen, betonte er. Beide Seiten beharrten auf ihren Positionen. Verhandelt wird zivilrechtlich die Klage der 31-jährigen Felicitas Rohrer gegen den Chemie- und Arzneimittelkonzern Bayer. Dieser vertreibt die Pille. Rohrer will erreichen, dass das Verhütungsmittel vom Markt genommen wird, weil sie es für gefährlich hält.

Vertreten wird die Klägerin von Rechtsanwalt Martin Jensch, der bis 2011 für die Weidener Kanzlei Burkhard Schulze und Kollegen tätig war und heute in Coburg arbeitet. Dass das Gericht den Prozess vertagte, sei zu erwarten gewesen, sagte Jensch auf Nachfrage unserer Zeitung. Am Donnerstag habe man sich erst einmal "abgetastet". Er wertete es als "gutes Zeichen", dass das Gericht Gutachten von mindestens zwei Sachverständigen einholen will. "Das bedeutet, dass das Gericht nicht von vornherein sagt: Da ist nichts dran."

In den USA schloss Bayer bislang bereits mehrere Tausend Vergleiche in einer Gesamthöhe von 1,9 Milliarden Euro. Da dort viel mehr Menschen geklagt haben, sei es für den Konzern wohl wirtschaftlich besser, sich zu vergleichen als die Prozesse durchzuziehen, vermutet Jensch. In Deutschland hingegen sei der Druck auf den Konzern noch nicht so groß. Das könnte sich ändern. Jensch allein vertritt insgesamt elf Mandanten in der gleichen Sache, die Verfahren laufen derzeit außergerichtlich. Darunter sind eine Frau aus Regensburg sowie ein Mann, ebenfalls aus Regensburg, dessen Frau gestorben ist. Notwendig sei das Hinzuziehen von mindestens zwei Sachverständigen, sagte der Richter. Diese sollen im nächsten Jahr benannt werden. Nach Angaben des Gerichts handelt es sich um die erste Klage in diesem Fall in Deutschland. Am Donnerstag kamen die Kontrahenten zur ersten mündlichen Verhandlung zusammen und trafen damit erstmals direkt aufeinander. Bislang hatten sie sich schriftlich ausgetauscht.

Nach dem Willen der Klägerin soll Bayer umfassend Auskunft über "Yasminelle" geben. Sie macht die Pille mit dem Wirkstoff Drospirenon für gesundheitliche Probleme verantwortlich. So verursache das Mittel ein mindestens doppelt so hohes Thrombose-Risiko wie andere Präparate. Nach der Einnahme der Pille habe sie im Juni 2009 eine beidseitige Lungenembolie erlitten und sei daran fast gestorben. Sie fordert mindestens 200 000 Euro Schadenersatz und Schmerzensgeld.

Der Pharmakonzern halte die Klage für unbegründet, sagte der Rechtsanwalt des Unternehmens, Henning Moelle, am Rande des Prozesses. Ein Sprecher des Konzerns sagte: Durch wissenschaftliche Daten sei bestätigt, dass von der Anti-Baby-Pille und dem Wirkstoff bei korrekter Einnahme keine Gefahr ausgehe.
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