Prozessauftakt um Freiheitsberaubung und Körperverletzung
Lehrer wegen Karzer angeklagt

Weil die Schüler zu laut sind, lässt der Lehrer sie einen Text abschreiben. Solange setzt er sich mit seinem Stuhl vor die Klassentür. Der Konflikt im Schulzimmer landet nun vor Gericht.

Neuss. Zunächst war es eine ganz alltägliche Unterrichtsstunde: Doch was dann in der damaligen Klasse 6b der Kaarster Realschule geschah, beschäftigt die Juristen. Der Lehrer sitzt wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung auf der Anklagebank. Laut Staatsanwaltschaft hatte er den Schülern eine Strafarbeit aufgebrummt und wollte sie nicht aus dem Karzer (alter Begriff für den Arrest von Schülern) entlassen, ehe sie die Aufgabe erledigt hätten. Als ein Bub trotzdem gehen wollte, soll er ihm in den Bauch gestoßen haben - der 13-Jährige habe danach über Schmerzen geklagt.

Im Prozess vor dem Neusser Amtsgericht schildert der Pädagoge Phillip Parusel den Vorfall so: In der fraglichen Musikstunde sollte es um den Geigenvirtuosen Paganini gehen. Eigentlich habe er den Kindern ein kurzes Hörspiel vorspielen wollen, aber die Schüler seien zu unruhig gewesen. "Deshalb habe ich mich entschlossen, den Unterricht in schriftlicher Form fortzuführen", erklärt der 50-Jährige. "Das war keine Strafarbeit." Etwa zehn Minuten vor Unterrichtsschluss setzte sich der Lehrer demonstrativ in den Türrahmen. Die Schüler forderte er auf, ihm ihre Arbeiten zu geben. "Das dauerte natürlich einige Minuten. Aber wer abgegeben hatte, durfte gehen." Ein Schüler habe sich vorgedrängt. "Ich habe ihn weggeschoben, er sollte sich anstellen, wie die anderen", erzählt der Lehrer und betont: "Ich habe ihm nicht in den Magen geboxt."

Ein anderer Junge rief per Handy die Polizei. "Die Schüler, deren Arbeiten unvollständig waren - so wie meine - durften nicht gehen", sagt er am Donnerstag als Zeuge aus. Er habe gesehen, wie der Mann seinen Freund "recht heftig" in den Bauch gestoßen habe. Ein Zeuge relativiert das: Der Stoß sei normal gewesen - "nicht heftig und nicht leicht".

Völlig unaufgeregt


Nach dem Notruf hatte die Polizei den Schulleiter alarmiert. Er habe das Schlimmste befürchtet, sagte er. "Als die Leitstelle anrief, hieß es, dass im Musikraum ein Lehrer Schüler eingeschlossen hätte und sie schlagen würde." Doch dort habe er eine vollkommen unaufgeregte Situation vorgefunden, so der Rektor (60). Vor dem Gericht stehen Schüler in T-Shirts mit Solidaritätsbekundungen, die ihren Ex-Lehrer unterstützen. Ein Mädchen sagt: "Wir können uns nicht vorstellen, dass die Vorwürfe stimmen. Das ist so ein herzlicher Mensch, bis der mal lauter wird, da muss wirklich schon viel passieren."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.