Prozessbeginn um Attentat auf Henriette Reker
Von Opfern und Tätern

Heute soll das Urteil im Prozess um das Attentat auf die damalige Kölner Obermeisterkandidatin Henriette Reker verkündet werden. Bild: dpa

Nach dem Attentat auf die heutige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker wird nun das Urteil gesprochen. Der Attentäter sieht sich als Objekt einer politischen Verschwörung. Voll schuldfähig sei er laut Experten dennoch.

Düsseldorf. Heute wird dem Angeklagten im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts das Urteil verkündet. Die Bundesanwaltschaft fordert lebenslange Haft wegen versuchten Mordes, der Verteidiger hat 15 Jahre beantragt. Er ist der Alptraum eines Strafverteidigers: besserwisserisch, stur, aufbrausend. Rechtsanwalt Jasper Marten hat lange aufgegeben, seinen Mandanten Frank S. unter Kontrolle zu bringen. Der Attentäter von Köln hat seine Verteidigung oder das, was er dafür hält, selbst übernommen. Sein Anwalt ist für ihn Teil eines Komplotts.

Psychiater Prof. Norbert Leygraf hat den Mann begutachtet. Der wittere überall Feindseligkeiten und wähne sich in der Opferrolle, was für seine Kindheit zutreffend gewesen sei, erklärt der Sachverständige. Die habe ihn geprägt und so sei ein Weltbild mit wahnhaften Zügen entstanden. Gutachter und Zeugen hätten sich gegen ihn verschworen, meint S., er habe sich, was die weiteren Verletzten angeht, gegen einen vermeintlichen Lynchmob gewehrt - gegen CDU-Wahlkampfhelferinnen, gutbürgerliche Damen über 50.

Die Beweislage ist ziemlich klar: Am 17. Oktober 2015 liegt Henriette Reker in Köln-Braunsfeld an einem Wahlkampfstand auf dem Boden. Sie blutet aus Mund und Nase - ihr Leben hängt am seidenen Faden. Als sie einen Tag später zur Oberbürgermeisterin von Köln gewählt wird, liegt sie im Koma. Am Tatort wartet Frank S. (45) seelenruhig auf seine Festnahme. Der Rechtsradikale hat sich Reker genähert und sie nach einer Rose gefragt. Als sie ihm die Blume reicht, rammt er der 59-Jährigen, wie er es geübt hat, sein riesiges Jagdmesser in den Hals. Die Messerspitze lässt Rekers Brustwirbel splittern, verfehlt Halsschlagader und Rückenmark um Haaresbreite.

Doch bevor er zum Gewalttäter wurde, war er ein Opfer. Mit vier oder fünf Jahren wurde er von seinen Eltern in einer Wohnung einfach zurückgelassen. Tagelang füttert er seine jüngeren Geschwister. Als kein Essen mehr da ist, klopft er bei den Nachbarn - und kommt erst ins Heim, dann in eine Pflegefamilie. Seine Pflegemutter entdeckt an seinem Körper eine Brandwunde, als wäre ihm ein heißes Bügeleisen auf die Haut gedrückt worden. Er wird vom Pflegevater geschlagen.

Zuflucht in Radikalismus


Ersatz findet Frank S. in der rechten Szene. Bald begeht er eine Reihe überwiegend rechtsradikal motivierter Gewalttaten, für die er drei Jahre im Gefängnis sitzt. Nach seiner Haft zieht er nach Köln, bleibt lange straffrei und gilt inzwischen juristisch als nicht vorbestraft. Doch der Anstreicher ist arbeitslos, hat kaum soziale Kontakte. Sein Tor zur Welt ist das Internet. Frank S. ist für den fremdenfeindlichen Hass in der Flüchtlingskrise empfänglich, macht die Politik für seine Situation verantwortlich, allen voran die in Köln bis dato für Flüchtlinge zuständige Reker.

"Wenn Worte wie ,Volksverräter' und ,Lügenpresse' lang genug spazierengehen, geht auch mal ein Messer spazieren", wird Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller später über das Attentat sagen. Auf der Anklagebank sitzt jener Mann, der mit zwei Messern spazierenging.
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