Raus aus der Nerd-Falle

Spezialisten sind gefragt am Arbeitsmarkt. Doch wer nicht genau ins Anforderungsprofil passt, hat es schwer. Wie tief sollte das Know-how gehen - und was muss in der Breite hinzukommen?

(dpa/tmn) Die richtige Qualifikation ist für Arbeitnehmer immer ein Balanceakt. Zwar suchen Arbeitgeber ständig nach Experten. Doch die Entwicklung zu so einem Spezialisten dauert meist Jahre - während sich der Bedarf der Arbeitgeber ständig ändert. "Wer sich nicht verzetteln oder den Anschluss verlieren will, muss individuell den richtigen Mix finden", sagt Karriereberater Christoph Burger aus Stuttgart. Neun Tipps, die dabei helfen.

Vorteile einer Spezialisierung nicht unterschätzen: Wer sich nicht spezialisiert und viele Zusatzqualifikationen erwirbt, will sich damit häufig alle Türen offen halten. Doch damit erreichen Arbeitnehmer meist das Gegenteil, warnt Karrierberater Hans Bürkle aus Nierstein. "Arbeitnehmer ohne konkrete Spezialisierung sind in jungen Jahren viel leichter austauschbar und konkurrieren mit viel mehr Wettbewerbern um jede freie Stelle."

Den Markt beobachten:Wer mit seiner Spezialisierung den Anschluss behalten will, muss neue Entwicklungen in seinem Berufsfeld im Blick haben. "Das ist schon bei der Wahl des Studienfachs oder des Ausbildungsberufs wichtig, um eine solide Basis zu schaffen und die richtigen Schwerpunkte zu setzen", sagt Burger. Dafür ist es wichtig, regelmäßig Fachmedien und Stellenanzeigen zu lesen. So erkennen Arbeitnehmer rechtzeitig die für ihre Weiterbildung relevanten Trends.

Mit den Augen des Chefs denken: Einfach ist es nicht, Trends von kurzfristigen Hypes zu unterscheiden. Bürkle empfiehlt einen Perspektivwechsel: "Welche Bedürfnisse haben Ihre Vorgesetzten, Arbeitgeber und Kunden, und was erwarten sie von Ihnen?" Wer sich darauf einlässt, sucht automatisch nach den besten Lösungen, statt an seinem Wissen festzuhalten. So erkennen Berufstätige wichtige Veränderungen früh und entwickeln ihre Kenntnisse gezielt weiter.

Öfter wechseln:Wer bereits sehr spezialisiert ist, sollte nicht zu lange auf einer Position bleiben. Oft sind solche Mitarbeiter in ihrer Firma sehr wichtig und damit auch zufrieden, berichtet Burger. "Aber sie bekommen gar nicht mit, wie sich um sie herum der Arbeitsmarkt verändert." Alle drei bis sieben Jahre sollte es eine größere Veränderung geben, rät der Experte. "Das kann ein Wechsel in der Hierarchie sein, in der Tätigkeit oder in ein anderes Unternehmen."

In der Branche bleiben:Probleme bekommen Spezialisten allerdings häufig, wenn sie die Branche wechseln wollen, erklärt Bürkle. "Ideal ist es, wenn ich ein Leben lang in der gleichen Branche bleibe." Arbeitgebern sei dieser Stallgeruch wichtig, der zeigt, dass Arbeitnehmer etwas vom Geschäft und den Kunden verstehen. Sorgen um ihre Zukunft müssen sie sich nicht machen. "In fast jeder Branche gibt es genügend Wechselmöglichkeiten, um sich weiterzuentwickeln."

Erfahrungen statt Zertifikate sammeln: Manche Arbeitnehmer sammeln Fortbildungen und Abschlüsse wie Trophäen, um sich für Arbeitgeber interessanter zu machen. Doch das sei ein Trugschluss, warnt Outplacement-Expertin Cornelia Riechers aus Düsseldorf. "Wer eine gute Ausbildung hat, braucht nicht noch eine." Wichtiger sei, auf seinem Gebiet fachlich am Ball zu bleiben und Erfahrungen zu sammeln. "Erfahrung kann man nie genug haben, das zählt viel mehr als jede Menge zusätzliche Zertifikate."

Richtig positionieren:Fachwissen auf vielen Gebieten kann sogar zum Problem werden, warnt Riechers. "Dass jemand Experte auf mehreren Gebieten ist, passt nicht in die Köpfe der Arbeitgeber." Multitalenten empfiehlt sie Mut zum Profil. In Anschreiben und öffentlichen Internetprofilen sollten sich Bewerber als Experten für eine Aufgabe präsentieren. Alles andere gehört in den Lebenslauf. "Mit der Positionierung erzeuge ich Aufmerksamkeit, und dann nehmen Arbeitgeber auch meine anderen Kompetenzen wahr."

Netzwerke pflegen:Kontakte und ein großes Netzwerk bieten Spezialisten zusätzliche Sicherheit, sagt Riechers. Ein Netzwerk hilft, Veränderungen früh zu erkennen. "Wenn es in einem Unternehmen nicht mehr weitergeht, hilft das Netzwerk beim Wechsel." Zum Beispiel, wenn der Arbeitgeber wichtige Trends verschläft. "Wenn eine wichtige neue Technik auf den Markt kommt, muss ich sie auch nutzen", betont Burger. "Falls das bei meinem Arbeitgeber nicht geht, sollte ich mir einen suchen, der sie einsetzt."

Initiativbewerbungen nutzen: Spezialisten sollten nicht auf passende Stellenanzeigen warten. "Dann habe ich jede Menge Mitbewerber", warnt Bürkle. Effektiver seien Initiativbewerbungen. Zum Beispiel könne ein Einkäufer im Baustoffhandel, dessen Vorgesetzter bisher der technische Leiter war, Arbeitnehmer in der gleichen Position bei anderen Firmen in der Nähe anschreiben.
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