Rechtschreibreform eine Ursache für das Verkommen der Sprache

Zum Artikel "Sprache ist verkommen" erreichte uns diese Zuschrift eines Lesers:

Ich teile Herrn Zehetmairs Sorge um die deutsche Sprache, aber nicht aus den von ihm genannten Gründen. Die Flut überflüssiger Anglizismen, primitivste Anbiederung an Pseudo-Modernität und Pseudo-Weltoffenheit, mag ärgerlich sein, ist jedoch in ihren negativen Auswirkungen auf die Sprachentwicklung durchaus begrenzt. Und die SMS-Sprache steht dem mündlichen Sprachgebrauch nahe; zudem handelt es sich oft um eine Art Geheimsprache der Jugend in Abgrenzung von der Welt der Erwachsenen, wie es sie in unterschiedlichen Formen immer gab.

Bezeichnend ist jedoch, dass Zehetmair als Mitglied des Rechtschreibrats bezüglich der Verkommenheit der Schriftsprache - und nur darum geht es bei der Rechtschreibung - kein Wort über den maßgeblichen Beitrag der sogenannten "Rechtschreibreform" zur Verhunzung der deutschen Sprache verliert. Nun war Zehetmair selbst nie ein Scharfmacher in Sachen Rechtschreibung wie etwa Dieter E. Zimmer von der "Zeit", der es in den 1990er Jahren unerträglich fand, dass "eislaufen" anders geschrieben wurde (und bis heute wird!) als "Ski laufen".

Zwischen den Fronten sprachlicher Simplifizierer zum Wohl lektüreferner Schüler (Nivellierung nach unten), zum Zweck der Verfügbarkeit von Sprache für Computerprogramme und Übersetzungsmaschinen sowie den fanatischen Anhängern rigoroser Etymologien unter Missachtung historischer Traditionen und Konventionen ("Blumenstängel" zu "Stange") suchte Zehetmair, das ehrt ihn, zuletzt zu retten, was noch zu retten war.

Schlimm ist nicht, dass als Ergebnis der sog. Rechtschreibreform eine Vielzahl doppelter Schreibweisen herauskam, die alle als "richtig" zugelassen sind; auch nicht, dass jede Zeitungsredaktion, die etwas auf sich hielt, ihre eigenen Rechtschreibregeln festgelegt hat. Verhängnisvoll sind als Folgen der "Reform" die verbreitete Unsicherheit, die zahllosen neuen, früher nicht gekannten Fehler (Abtrennung von Vorsilben wie "zurück" vom zugehörigen Verb), die unschönen Häufungen von Konsonanten ("Schifffahrt") und Vokalen ("Teeernte") sowie generell die sprachliche Wurstigkeit, der die Reform Vorschub geleistet hat.

Diese Unsicherheit bzw. Wurstigkeit betrifft längst nicht mehr die Rechtschreibung allein, sondern hat auf Fehler in Grammatik oder beim Einsatz von Redewendungen übergegriffen. Die deutsche Sprache, insbesondere die Schriftsprache, ist ein höchst anschmiegsames Gewebe, das die gesellschaftlichen Gepflogenheiten vieler Jahrhunderte in Bildern und Wendungen aufbewahrt hat. Dieses feine Gewebe entzieht sich allen pseudodemokratischen Vereinfachungen, deren Hauptmotiv Bequemlichkeit heißt.

Dr. Hannsjörg Bergmann,92637 Weiden
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