"Refugees Welcome"
Botschaft an Flüchtlinge ist Anglizismus 2015

„Refugees welcome“ steht auf dem Banner, das Teilnehmer einer Demonstration gegen die Verschärfung des Asylrechts in Hamburg tragen. Bild: dpa
 
Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Bild: dpa

„Flüchtlinge“ ist Wort des Jahres, „Gutmensch“ Unwort des Jahres – und auch der Anglizismus 2015 greift die Flüchtlingspolitik auf. Die Jury spricht von einer „selbstbewussten Antwort“ auf rechte Parolen.

Berlin. (dpa) Eine politische Parole zur Flüchtlingspolitik ist zum Anglizismus des Jahres bestimmt worden: „Refugees Welcome“ (Flüchtlinge willkommen). „Mit „Refugees Welcome“ überwand die deutsche Sprachgemeinschaft einerseits die unmittelbare Sprachbarriere zu den Flüchtlingen und signalisierte andererseits fast nebenbei Weltoffenheit“, teilte die vierköpfige Jury um den Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch am Dienstag mit. Auf den Plätzen folgten die Wortendung “-(e)xit“, etwa in „Grexit“, sowie das Verb „spoilern“.

Der Ausdruck „Refugees welcome“ ist den Angaben zufolge bereits in den 1990er Jahren entstanden, im vergangenen Jahr aber zu „einer selbstbewussten Antwort auf das althergebrachte „Ausländer raus“ des rechten Lagers“ geworden. Zahlreiche Twitter-Nutzer hatten den Slogan etwa in ihr Profilbild integriert, um sich für einen offenen Umgang mit Flüchtlingen stark zu machen; auf Demonstrationen und auch in einigen Fußballstadien waren Banner mit dem Schriftzug zu sehen. Wie einflussreich der Slogan ist, zeige aber auch, dass konservative Kritiker ihn aufgriffen – auf einigen rechten Demos werden Banner mit „Refugees Not Welcome“ hochgehalten.

Neben der gewichtigen Rolle in der Diskussion um das deutsche Selbstverständnis gegenüber Flüchtlingen überzeugte die Jury auch, dass nicht nur ein Wort, sondern eine ganze Aussage dem Englischen entlehnt wurde, wie es in der Begründung hieß. Bei Firmen-Slogans sei das eine bekannte Praxis. „Dass aber die Sprachgemeinschaft von sich aus einen solchen Slogan entdeckt und übernimmt, ist selten.“

Die Endung “-(e)xit“ wurde vor allem im Zusammenhang mit der Finanzkrise in Griechenland bekannt. Als „Grexit“ wurde das Szenario eines Ausstiegs des Landes aus der Euro-Währungszone bezeichnet. Das Stilmittel wurde auf mehrere Länder übertragen, etwa auf Großbritannien, das mit einem Referendum den „Brexit“, den Rückzug aus der Europäischen Union, herbeiführen könnte. Und im vergangenen Sommer fragte der Journalist Stefan Schirmer angesichts des islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses und Rechtsextremismus in Sachsen auf „Zeit Online“: „Wird es nicht Zeit für einen Säxit – den Austritt der Sachsen aus der Bundesrepublik?“

Was ist ein Anglizismus?In der U-Bahn noch schnell die Mails auf dem Smartphone checken, dann im Büro die To-do-Liste abarbeiten und zwischendurch ein Coffee to go – Anglizismen sind mittlerweile so fest in unserer Sprache verwurzelt, dass wir sie kaum noch als Fremdwörter wahrnehmen. Laut Duden handelt es sich um die „Übertragung einer für (das britische) Englisch charakteristischen sprachlichen Erscheinung auf eine nicht englische Sprache“. Insbesondere Werbung, Wirtschaft oder Politik kommen kaum noch ohne Anglizismen aus. Die einen sehen sie als Bereicherung der Muttersprache, andere empfinden sie eher als Bedrohung. (dpa)
Von „spoilern“ ist die Rede, wenn jemand wichtige Inhalte eines Buchs oder Films vorab verrät und anderen so den Spaß an der Geschichte nimmt. Im Englischen ist für eine solche unerwünschte Information das Hauptwort „spoiler“ gebräuchlich, abgeleitet vom Verb „to spoil“ (verderben). Dass im Deutschen das Nomen zum Verb gemacht wurde, spreche für eine aktive Integration der englischen Sprache – und gegen eine hilflose Überflutung des Deutschen, hieß es.

Seit 2010 wird gewählt


Die Initiative „Anglizismus des Jahres“ würdigt seit 2010 den Beitrag des Englischen zum deutschen Wortschatz. Im Vorjahr war die Wahl auf das Wort „Blackfacing“ gefallen, das die als rassistisch kritisierte Praxis bezeichnet, wenn Schwarze von geschminkten Weißen dargestellt werden. Zuvor waren meist Begriffe aus der Netzwelt wie „Shitstorm“ gekürt worden.

In den vergangenen Wochen waren bereits zwei weitere Ausdrücke aus der Flüchtlingsdebatte hervorgehoben worden: Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) machte „Flüchtlinge“ zum Wort des Jahres. Wenig später wurde „Gutmensch“ von einer Jury um die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich zum „Unwort“ gewählt, weil das Schlagwort Hilfsbereitschaft als dumm diffamiere.

„Anglizismen des Jahres“: Die Sieger seit 2010Die Initiative „Anglizismus des Jahres“ um den Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch würdigt seit 2010 „den positiven Beitrag des Englischen zur Entwicklung der deutschen Sprache“. Die bisherigen Sieger:
  • 2015: „Refugees Welcome“ – als Reaktion auf fremdenfeindliche „Ausländer-raus-Parolen“ angesichts zunehmender Flüchtlingszahlen.
  • 2014: „Blackfacing“ – umstrittene, rassistische Praxis, etwa im Theater, Schwarze darzustellen, indem man Weiße (stereotyp) schminkt.
  • 2013: “-gate“ – Nachsilbe für Affären; Bezug zum Watergate-Skandal von 1972, der zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führte.
  • 2012: „Crowdfunding“ – Möglichkeit, im Internet für ein Projekt in einem bestimmten Zeitrahmen aus Einzelbeiträgen Geld zu sammeln.
  • 2011: „Shitstorm“ – Welle der Entrüstung über Institutionen oder Menschen, die über soziale Netzwerke und Blogs hochschwappt.
  • 2010: „leaken“ – das „Auslaufen“ geheimer Informationen an undichten Stellen. (dpa)

Links zum Thema:
Der Anglizismus des Jahres - offizielle Website
"Refugees"-Ergänzung fürs Twitter-Profilbild
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