Regensburg ist nicht Nabel des Bistums

So sehr Bischof Rudolf Voderholzer seinen neuen Amtssitz schätzt: Der Münchener ist ein Fan der nördlichen Oberpfalz.

Herr Bischof, seit zwei Jahren sind Sie als gebürtiger Münchener Oberhirte des Bistums Regensburg - was unterscheidet die beiden Bistümer außer ihre Größe?

Voderholzer: München ist eine große Stadt, eine Metropole, die auch im Erz-Bistum ein vieles prägendes Schwergewicht ist. So lebenswürdig, dynamisch und reizvoll dagegen Regensburg auch immer ist: Unser Bistum lebt viel stärker in der Vielzahl kleinerer Zentren und Regionen. Deshalb ist es mir so wichtig, hinein ins Bistum zu gehen. Erst kürzlich durfte ich wieder an einem Wochenende drei neue Orte kennenlernen: Azlburg, Otzing und Kirchenthumbach. Jeder dieser Orte war für mich eine wunderbare Erfahrung.

Was haben Sie dort erlebt?

Voderholzer: In Azlburg die Kirche mit ihren großartigen Schätzen und dem einmaligen theologischen Bildprogramm. Für mich eine herrliche Anregung, die ich in Predigten und Vorträgen verwenden werde. In Otzing baute Pfarrer Werner Maria Hess ein beeindruckendes Evangelisationswerk auf. Nahe bei Kirchenthumbach, in Sassenreuth, steht wohl die einzige Kirche Deutschlands, die während des 2. Weltkriegs angesichts größter Gefahr und gegen den erbitterten Widerstand der Nazis errichtet wurde. Die Menschen bauten diese Kirche, weil nur in einem Gotteshaus Glaubensunterricht erlaubt war, und darauf wollten sie nicht verzichten. Allein diese drei Beispiele eines einzigen Wochenendes zeigen, welche geistliche Kraft in der Fläche des Bistums den Glauben lebendig hält.

Gibt es einen besonderen Lieblingsplatz in Regensburg und welche Bedeutung hat er für Sie?

Voderholzer: Es gibt mehrere Plätze, die ich sehr mag. Ich gehe viel spazieren, runter zur Donau über die Eiserne Brücke, wo man auf dem Weg den Dom aus verschiedenen Perspektiven sehen kann. Mit Abstand mein Lieblingsplatz ist die Terrasse der Stadt, der Dreifaltigkeitsberg. Ich gehe entlang der Kreuzwegstationen hoch, da kommt man schon ins Schwitzen, aber das soll ja gesund sein. Besonders schön ist die Aussicht im Licht der Abendstunden. Die Winzerer Höhen schmunzeln einen von der Seite an, Regensburg liegt zu Füßen, der Blick schwebt über die Bischofstadt, setzt sich auf die Türme der Kirchen und Bürgerhäuser und verbindet sich mit Erinnerungen an Gespräche und Begegnungen.

Woran denken Sie, wenn Sie von oben auf die Stadt blicken?

Voderholzer: Der Blick auf den Fluss trägt die Gedanken ins Weite. Man macht sich klar: Das hier ist der nördlichste Punkt der Donau, ein Fluss, der Völker und Länder verbindet, dessen Wellen sich in Wien, Budapest, Belgrad und Sofia wiegen, bevor sie dann ins Schwarze Meer münden. Ein Gedanke, der mir die Schönheit und Großartigkeit der Schöpfung vor Augen führt.

Aber auch die Geschichte des Dreifaltigkeitsberges bewegt. Anfang des 18. Jahrhundert litt Regensburg unter der Pest. Die Menschen aus Stadtamhof und Steinweg hatten große Furcht. Nur die Donau trennte sie von der wütenden und todbringenden Seuche. Sie errichteten die Dreifaltigkeitskirche, um ihrer flehenden Bitte ein steinernes Zeugnis zu setzen: "Herr, verschone uns!"

Haben Sie auch schon vom herben Wein gekostet?

Voderholzer: Ich habe schon viel Regensburger Wein verkostet. Wahrscheinlich hat man mir nur den besten gegeben, weil man ja weiß, ich habe einige Jahre an der Mosel gelebt, da ist man verwöhnt. Es gibt schon Regensburger Wein, den man gut trinken kann.

Sie wollen die nördliche Oberpfalz noch stärker in Ihre Arbeit miteinbeziehen - wie nah sind das Stiftland, Weiden, Amberg inzwischen an Regensburg herangerückt?

Voderholzer: Hinein ins Bistum ist mein Leitmotiv, nicht Regensburg ist der Nabel der Welt. Überall, wo die Menschen beten und glauben ist das Bistum. Für die nördliche Oberpfalz gilt: Der Glaube, den die Menschen dort pflegen, ist ein Segen für die Kirche. Das Stiftland mit dem Kloster Waldsassen, Tirschenreuth mit der Alten Sankt Peter Kirche, die Friedhofskapelle in Mitterteich, der Wondreber Totentanz, das Kloster Fockenfeld, die herrliche Kappl, das sind nicht nur Gebäude, Orte oder Ereignisse. Das sind Zeugnisse einer Frömmigkeit und eines Gottesbezugs, die mich beeindrucken und die meine Hoffnung und meinen Mut stärken. Ich denke gerne an die Firmung in Schönwald, an meine Besuche in Selb, Weißenstadt und Bischofsgrün, wo wir einen indischen Priester haben.

Sind die Menschen dort anders?

Voderholzer: Das Land ist rau, aber herzlich. Je weiter man "rauf" kommt, desto karger wird die Landschaft, aber die Atmosphäre umso wärmer. Unbedingt erwähnen will ich auch den "hohen Norden" des Bistums an der Grenze zu Franken. Die Katholiken stellen dort die Minderheit, leben in einer Diasporasituation. Da kommen ein ganz eigener Zusammenhalt und eine Frömmigkeit zum Ausdruck, die besonderes katholisches Bewusstsein spiegelt.

Gab es besonders beeindruckende Begegnungen?

Voderholzer: Mit der nördlichen Oberpfalz verbinde ich auch prägende Begegnungen und Erlebnisse. Fritz Gerlich hat mir die Resl erschlossen - in Konnersreuth durfte ich einen Vortrag halten über den mutigen katholischen Widerständler, der dank der Resl zu Christus und zur katholischen Kirche fand. Waldsassen ist ein Segen für die Kirche. Äbtissin Laetitia Fech führt einen sehr lebendigen Konvent mit ihren Zisterzienserinnen. Der Pfarrer dort ist fast so etwas wie ein mittelständischer Unternehmer mit 60 Angestellten.

Ich denke gerne an die Krippenausstellung und das Krippenspiel in Tirschenreuth. Die Stadt hat durch die Gartenschau sehr gewonnen, sie wurde herrlich hergerichtet. Mit Mitterteich verbinde ich Heiterkeit und Humor. Eine Gruppe der katholischen Jugendfürsorge führte bei meinem Besuch ein Theaterstück auf mit dem vielsagenden und verheißungsvollen Titel: "Der Bischof kommt zu Besuch und das Chaos bricht aus". Wir haben alle viel gelacht.

Die Nähe zu Böhmen ist auch an vielen Orten zu spüren ...

Voderholzer: Mähring fasziniert mich sehr, weil dort die Heimatvertriebenen ihren Annaberg neu aufgebaut haben. Auch in Schönsee konnte ich erleben, wie das Gedenken an die böhmisch-deutsche Geschichte lebendig bleibt und vor allem: Wie diese gemeinsame Geschichte auch in die Zukunft weist. An vielen Orten der Oberpfalz kann man sehen und erleben, wie sehr die deutschen Böhmen die Oberpfalz nach dem Krieg insgesamt mitprägten. Das geht mir angesichts meiner Familiengeschichte und meiner Mutter aus Kladrau sehr nahe.

Sie erwähnen es: Sie haben durch ihre böhmische Mutter einen besonderen Bezug zu Tschechien - und das Bistum Pilsen auch zum Katholikentag eingeladen. Wie eng ist das Verhältnis zu Bischof Frantisek Radkovský und wie ist dort die Situation der katholischen Kirche?

Voderholzer: Der Katholikentag gab den Beziehungen einen enormen Schub. Die Pilsener und die Regensburger kamen sich näher. Mit Bischof Radkovský verbindet mich eine tiefe Vertrautheit. Erst vor ein paar Wochen sahen wir uns wieder und feierten gemeinsam ein Pontifikalamt in Waltsch, dem Heimatort meines Religionslehrers, Pater Victricius Berndt.

Ist das Bistum Regensburg beim Kulturhauptstadtjahr 2015 in Pilsen auch präsent?

Voderholzer: Wenn Pilsen im kommenden Jahr Kulturhauptstadt Europas wird, dann werden auch die Regensburger Katholiken mit dabei sein. Die Termine liegen noch nicht genau fest. Aber ich lade schon jetzt alle Oberpfälzer ein, sich spürbar zu beteiligen. Ich will aber auch noch auf andere Begegnungen hinweisen. In Schönsee gab es die Feier "25 Jahre Grenzöffnung" mit dem Schwandorfer Landrat. In Furth war das Diözesankomitee mit eingeschaltet.

Leider liegt die Sprachmauer zwischen Tschechen und Bayern. Zwar sprechen viele Tschechen Deutsch. Aber umgekehrt können wir das nicht behaupten. Ein Silberstreif am Horizont: Generalvikar Michael Fuchs spricht sehr gut Tschechisch und kann Brücken bauen.

Wenn ich auf die vielen Begegnungen der vergangenen beiden Jahre zurückschaue, dann habe ich vor allem eine Erkenntnis vor Augen: Auch nach den vielen Jahrzehnten atheistischer Diktatoren in Böhmen spürt man auf Schritt und Tritt, dass das Land ein zutiefst vom Christentum geprägter Kulturraum ist.
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