Schafzählung und Zukunft der Schäfer
Schaf kalkuliert

Die Zahl der Wanderschäfer nimmt in Deutschland seit Jahren ab. Auch die Zahl der Schafe sank in den vergangenen Jahren deutlich. So zählte das Statistische Bundesamt im November 2015 noch knapp 1,6 Millionen Schafe, fünf Jahre zuvor waren es noch mehr als 2,3 Millionen. Dabei erfassen die Statistiker in Wiesbaden aber nur Betriebe mit mehr als 20 Tieren. Archivbild: Huber

Jedes Jahr, wenn die Nächte länger als die Tage werden, zählen deutsche Beamte Schäfchen. Aber nicht im Bett, vor dem Einschlafen. Sondern auf Wiesen, Weiden und in Ställen.

Bonn. Sie tun das, um im Februar - nach Bundesländern geordnet - mitzuteilen, wie viele Schafe und "Betriebe mit Schafhaltung" es zwischen Flensburg und Passau gibt. Das Statistische Bundesamt hat bezogen auf die Gesamtzahlen und den Stichtag zur "Viehstandserhebung" am 3. November 2015 die Katze, oder besser das Schaf aus dem Sack gelassen.

1,6 Millionen Schafe


Demnach gab es zum Stichtag in ganz Deutschland 1,6 Millionen Schafe - etwa 1,8 Prozent weniger als 2014. Die Zahl der Betriebe mit mehr als 20 Tieren wurde "nahezu unverändert" auf rund 10 000 beziffert - mit regionalen Schwerpunkten in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern. Mehr als die Hälfte des Schafbestandes steht dabei in diesen vier Bundesländern, insgesamt rund 840 000 Tiere. Eigentlich also alles im Lot - doch die vermeintlich beruhigenden Daten der Statistiker sind dazu angetan, manch einem Vertreter der Zunft den Schlaf zu rauben.

Zum Beispiel Günther Czerkus, Vorsitzender des Bundesverbandes der Berufsschäfer und Herr über eine Herde von 400 Mutterschafen und 250 Lämmern in Wallendorf in der Eifel. Noch gibt es rund 2000 Frauen und Männer, die professionell Schafe hüten. Das Durchschnittsalter habe jedoch schon vor einiger Zeit bei rund 56 Jahren gelegen, sagt Czerkus mit Sorge in der Stimme. Jedes Jahr werden lediglich 10 bis 20 Azubis in die Riege der Berufsschäfer aufgenommen. "Um den jetzigen Stand zu halten, bräuchten wir 100", rechnet Czerkus.

Und so kann man sich ausrechnen, wann die Schafsherden, die zu Beginn der ARD-Serie "Mord mit Aussicht" die Landstraße so schön blökend blockieren, aus eben dieser Landschaft verschwinden. Czerkus sowie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen mögen bis dahin ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Schäfer Czerkus hütet sich daher vor zu viel Pathos. Er geht die Sache pragmatisch an. Sicher, jedes Jahr stürben traditionelle Berufe aus. Aber die Hirten und ihre Tiere verfügten über ein "sehr gravierendes Alleinstellungsmerkmal", das gerade in der Moderne sehr gefragt sei. "Bei der Produktion von Wolle, Milch und Käse verbrauchen wir keine Ressourcen, wir tragen stattdessen zum Schutz der Artenvielfalt bei."

Natürliche Rasenmäher


In milden Wintern wie diesem sind die Landwirte für die natürlichen Rasenmäher dankbar, die ihre meist matschigen Weiden vom hohen Gras befreien. Andernorts treten die wolligen Wiederkäuer Deiche fest oder schützen Biotope.

So sind Czerkus und seine Tiere das ganze Jahr über gewissermaßen im Auftrag der Schöpfung unterwegs. Eine sehr erfüllende Tätigkeit, wie der Hirte mit jahrzehntelanger Berufserfahrung betont - wenn da nicht der zunehmende "Papierkram" wäre. Aber: "Wenn ich nach einem anstrengenden Behördengang zu meinen Tieren zurückkomme, bin ich in einer Viertelstunde wieder geerdet." Das gehe auch Gästen so: von Schulklassen bis hin zu IT-Spezialisten, "die damit zunächst gar nichts anfangen können". Ein halber Tag als Herdentier - und schon lächelt manch einer so selig wie Hütehund Bitzer in den Trickfilmabenteuern von "Shaun, das Schaf".

Czerkus ist nun ganz in seinem Element. Gerne würde er noch ein wenig weiter plaudern. "Aber ich muss raus zu den Tieren." Dieser Mensch gehört zu seinen Schafen, und das Schaf seit fast 10 000 Jahren zum Menschen. Was umgekehrt das Schaf darüber denkt? "Mäh", würde es wohl antworten.
Bei der Produktion von Wolle, Milch und Käse verbrauchen wir keine Ressourcen, wir tragen stattdessen zum Schutz der Artenvielfalt bei.Günther Czerkus, Vorsitzender des Bundesverbandes der Berufsschäfer
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