Schnell nach oben

Angst vor Gefahr dürfen sie nicht haben. Aufzugmonteure klettern oft in dunkle und enge Schächte. Dafür haben sie gute Zukunftsaussichten. Der Fahrstuhlmarkt wächst - und Azubis können ganz nach oben kommen.

(dpa/tmn) Schwindelfrei muss er sein, wenn er im dunklen Schacht auf der Kabine steht: Sebastian Schlicht will Aufzugmonteur werden. Deshalb lernt der 23-Jährige, wie man von oben einsteigt in die Fahrstühle, die er reparieren soll - oder wie er herausfindet, warum der Lift steckengeblieben ist. "Ich werkle gern - und ich denke mich gern in komplexe Zusammenhänge hinein", sagt er.

Eine ganz spezielle Welt

Fast jeder fährt Aufzug, vielen ist das Gefühl dabei nicht ganz geheuer - aber kaum jemand denkt an die, die mit diesen Maschinen umgehen können. Schließlich muss jemand Aufzüge einbauen und warten - und Eingeschlossene befreien. Aber: "Jugendliche, die Elektroniker oder Mechatroniker werden wollen, denken als Erstes an die Autoindustrie. Uns kennt kein Mensch", sagt Ebru Gemici-Loukas. Gerade deshalb hätten Jugendliche in dieser Branche gute Aussichten, sagt die Referentin für Ausbildung beim Maschinenbauer-Verband VDMA Aufzüge und Fahrtreppen.

Den Ausbildungsberuf Aufzugmonteur als solchen gibt es nicht. Der beste Weg dorthin ist die Ausbildung zum Mechatroniker oder - wie Sebastian Schlicht - zum Elektroniker für Betriebstechnik.

Wer sich also für die spezielle Welt der Aufzüge, für Mathematik und Technik interessiert, rennt bei den Herstellern von Fahrstühlen offene Türen ein. "Wenn der Bau boomt, wie gerade, dann geht es auch den Aufzugherstellern gut", sagt Gemici-Loukas. Aber auch in Krisenzeiten haben Auszubildende gute Perspektiven - denn jeder Aufzug in Deutschland muss einmal pro Jahr gewartet werden.

"Aufzüge werden heute einfach von Hausbesitzern und von Mietern erwartet", erklärt Jörg Linhard, Ausbilder von Sebastian Schlicht beim Aufzughersteller Schindler in Berlin. Eine Wachstumsbranche ist der Aufzugbau ihm zufolge auch, weil die Menschen in Deutschland immer älter werden. Sebastian Schlicht darf nach seiner Ausbildung auf eine steile Karriere hoffen. Monteure können durchaus in die Geschäftsführung aufsteigen.

Schlicht wollte einmal Pilot bei der Bundeswehr werden, entschied sich dann aber doch dagegen. "Ins Ausland kann ich mit dem Betrieb auch." Man verdiene zum Teil besser als im öffentlichen Dienst. Nach Angaben der Bundesarbeitsagentur verdienen Fachkräfte bei einer Bezahlung nach Tarif zwischen 2706 und 2970 Euro brutto. Es kann aber auch deutlich weniger oder mehr sein.

Das können auch für Frauen Argumente sein, um sie in den männerdominierten Beruf zu locken. Sie sind dringend gesucht in der Branche. Ausbilder Linhard hält derzeit einen Platz vor - für eine Bewerberin, die nach oben will.

Technisches Verständnis

Auszubildende in der Mechatronik oder Elektronik können sich bei einem der vier Aufzug-Konzerne in Deutschland oder den großen Mittelständlern dieser Branche spezialisieren. "Es gibt nicht viele Bewerber, die wir von vornherein ablehnen", erzählt Linhard. "In Mathe, Chemie, Physik, da gucke ich schon auf die Zensuren." Aber nicht nur junge Menschen mit Abitur wie Schlicht bekommen bei ihm eine Chance. Auch Haupt- und Realschüler kommen infrage. Wichtiger als die Noten sei, dass die Bewerber mit ihren Händen und mit Werkzeug umgehen können und technisches Verständnis haben.

Sie müssen elektronische Pläne lesen können, die Zusammenhänge auf Papier verstehen, aber auch technische Probleme lösen können. "Ich prüfe das mit Lego", erzählt Linhard. Wer baut schnell zusammen oder auseinander? Und wer bietet anderen noch seine Hilfe an? "Ob jemand Teamkompetenz hat, sehe ich nicht im Zeugnis."

Talent und Leidenschaft sind aufgrund des Bewerbermangels wichtiger als früher. "Die Schwelle bei den Arbeitgebern ist gesunken", erklärt Paul Ebsen von der Bundesagentur für Arbeit. "Wer eine Vier in Mathe hat, aber glaubhaft darstellen kann, dass er gern baut, bastelt und experimentiert, ist für die Unternehmen interessant."

Kaum Arbeitslose

Ebsen, der auch als Berater bei der Arbeitsagentur gearbeitet hat, hat einen besonderen Tipp: "Ich habe immer gesagt: Wenn ihr was gebastelt habt, dann bringt es zum Vorstellungsgespräch mit, stellt es auf den Tisch." Daran können Bewerber zeigen, dass sie zum Beispiel aufwendige Schweißnähte zustande bringen oder komplizierte Konstruktionen entwerfen und umsetzen können.

Viele Schulabgänger wollen Mechatroniker oder Elektroniker werden, sagt IG-Metall-Vorstand Frank Gerdes. "Arbeitslose in diesem Bereich gibt es kaum." Außerdem ist man in Hightech-Branchen einsetzbar - bei Herstellern von 3D-Messtechnik genauso wie in den Branchen der erneuerbaren Energien. Deshalb hält Gerdes auch eine Spezialisierung in der Aufzugbranche für einen empfehlenswerten Berufseinstieg.

Sich um Aufzüge zu kümmern, sei spannend und abwechslungsreich, weil man elektronisch und mechanisches Fertigkeiten braucht. Wer in dieses Feld will, muss aber auch mit Kunden gut umgehen können. Englisch zu können, kann deshalb ein Vorteil sein. "Und man kommt viel rum", sagt Gerdes. Das bedeutet aber auch, dass ein Führerschein hilfreich ist - und dass man bereit sein muss, viel zu reisen. "Man muss immer zu den verschiedenen Baustellen fahren", erklärt Gemici-Loukas vom VDMA.

Aufzugmonteure müssen sich mit alten Modellen und Maschinenräumen ebenso auskennen wie mit der Elektronik neuer Modelle oder sogar mit solarbetriebenen Lifts. Wie Bergsteiger müssen sie sich oft sichern, wenn sie in die engen, dunklen Schächte steigen. Und fit sein sollten sie auch, sagt Linhard: "Es gehört viel Treppensteigen dazu."
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