Schubkraft in der Mittelklasse

Bei Yamaha markiert das "R" die Familie der Supersportler: Angeführt von der YZF-R1 rangiert der 600er-Supersportler YZF-R6 darunter, und für Einsteiger gibt es die YZF-R 125. Jetzt schließen die Japaner die große Leistungs- und Preislücke zwischen der starken 600er und dem 15-PS-Leichtkraftsportler mit der rundum neu entwickelten YZF-R3.

Nahtlos fügt sich die Neue dank der rassigen Optik in die Familie ein. Wie die Geschwister zeigt die R3 eine geduckte Front mit hohem Heck, die dynamische Linie wird von der aerodynamisch ausgefeilten Verkleidung noch betont. Vorn macht die spitz zulaufende Nase mit den beiden schräg nach hinten auslaufenden Scheinwerfern einen aggressiven Eindruck, überhaupt wirkt das ganze Motorrad erwachsen und vollwertig.

Bequeme Sitzposition

Diesen Eindruck bestätigt die Sitzprobe: Obwohl das Polster in erdverbundenen 780 Millimeter Höhe angebracht ist, fühlt man sich nie eingeengt, im Gegenteil: Die über der oberen Gabelbrücke montierten Lenkerstummel, die flache Sitzkontur und der schmale Knieschluss bieten selbst Menschen über 1,85 Meter Körpergröße eine bequeme Unterbringung. Auf der R3 kann man es gerne den ganzen Tag aushalten. Für die R3 haben die Entwickler einen vollkommen neuen Motor erdacht, einen flüssigkeitsgekühlten Reihenzweizylinder mit besonders kurzhubig ausgelegten 321 cm3 Hubraum - dem sportlichen Fahrerlebnis mit hoher Drehfreude wegen. Maximal leistet der Vierventiler 42 PS und knapp 30 Newtonmeter Drehmoment, die unerwartet harmonisch über das gesamte Drehzahlband produziert werden. Schon ab 6000 Touren entwickelt der Twin verwertbaren Schub. Auch darunter lässt er sich ohne Murren ans Gas nehmen, doch richtige Freude entwickelt der Motor erst mit steigender Drehzahl: Bis über 12 000/min dreht das Aggregat freudvoll und leichtfüßig nach oben. Etwaige Vibrationen eliminiert eine Ausgleichswelle sehr effektiv, selbst bei 13 000 Umdrehungen benimmt sich der Motor noch anständig. Das schafft die aktuelle Konkurrenz nicht. Wie druckvoll der 321er die R3 tatsächlich antreibt, zeigt eine lange Bergaufpassage: Klein gemacht hinter der durchaus wirksamen Scheibe steigen die Ziffern des Digitaltachos immer weiter an, bis bei 175 km/h ein ausscherender Lkw zum Abbremsen gemahnt.

Doch auch wenn sich die R3 aufs Autobahnbolzen versteht, ihre wahre Bestimmung findet sie auf den gewundenen, erfreulich verkehrsarmen Landstraßen im Hinterland der Costa Daurada. Hier flitzt die gerade mal 169 Kilo leichte Yamaha über den Asphalt, dass Sportfans ihr Glück kaum fassen können.

Dank der handlingfreundlichen Reifendimensionen mit schmalem 140er-Hinterreifen biegt die R3 spielerisch in die Ecken, folgt dem kleinsten Lenkimpuls und begeistert mit einer Agilität, die jeden "großen" Supersportler vor Neid erblassen lassen dürfte. Denn: Dieses Mittelklassegefährt beweist, dass nicht nur Beginner, sondern auch versierte Zweiradtreiber mit vergleichsweise kleinen 42 PS einen Heidenspaß haben können. Und dass potente Bikes auf diesen Landstraßen vermutlich keinen Deut schneller unterwegs sind, dabei aber viel mehr Stress produzieren. Bei der Fahrwerksabstimmung haben sich die japanischen Testfahrer um einen guten Kompromiss aus Stabilität und Komfort bemüht. Nur wer mit der YZF-R3 beispielsweise an Rennstreckentrainings teilnimmt, sollte die Michelin Pilot Street-Pneus gegen griffigere austauschen und Geld für andere Federelemente investieren. An der übrigen Ausstattung gibt's aber nichts zu meckern oder zu verbessern.
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