Silvester-Übergriffe in Köln
Das Chaos der Silvesternacht hat die Kölner Polizei erschüttert

Die Schweizer Aktionskünstlerin Milo Moire sorgte am Freitag vor dem Hauptbahnhof in Köln für Aufsehen. Nackt und mit einem Plakat protestierte sie gegen die massenhafte Belästigung von Frauen in der Silvesternacht. Der falsche Umgang der Polizeibehörden mit diesem Vorfall hat unterdessen erste personelle Konsequenzen. Bild: dpa

Wann war was bekannt, wer hat geschwiegen oder gelogen? Die Katastrophe der Silvesternacht hat die Kölner Polizei erschüttert. Sie muss aufklären, was in den eigenen Reihen schief gelaufen ist. Der Polizeichef wird das nicht mehr übernehmen: Albers muss gehen.

Köln. Der Kölner Polizei bläst nach den massiven Silvester-Übergriffen und Ausschreitungen am Hauptbahnhof der Wind ins Gesicht. Einen ersten Verantwortlichen hat der Sturm der Neujahrsnacht nun aus dem Amt gefegt: Polizeipräsident Wolfgang Albers muss gehen. Der Druck war zu groß geworden - auf ihn, auf die Polizei und auch auf seinen Parteifreund, Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD).

Denn mehr als eine Woche nach den Attacken des Mobs auf dem Platz zwischen Hauptbahnhof und Dom, nach den Misshandlungen Dutzender Frauen und den Diebstählen gibt es etliche Fragen und deutliche Widersprüche. Albers wusste schon früh vom nächtlichen Chaos am Bahnhof, er muss die Berichte gekannt und die Details gewusst haben. Und dennoch sprach er auch Tage später noch davon, dass über die Täter nichts bekannt sei. Die Polizei sei "nicht überfordert gewesen", der Einsatz "mustergültig" verlaufen. Die Frage drängt sich auf: Wenn in einem der vielen Einsatzberichte unter anderem die Rede ist von "einigen Tausend meist männlichen Personen mit Migrationshintergrund, die Feuerwerkskörper jeglicher Art und Flaschen wahllos in die Menschenmenge feuerten" - warum hüllte sich dann die Kölner Polizeiführung in Schweigen? Und warum bezeichneten Albers' Beamte die Stimmung in der Silvesternacht als "friedlich", wo doch der Polizeichef selbst am Morgen des Neujahrstags schon informiert war?

Infos nur aus der Zeitung


Albers' Abschied deutete sich spätestens an, nachdem auch Kölns neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker am Freitag deutlich auf Distanz zum Polizeichef der Domstadt ging. Die Fakten, die ihr die Polizeiführung geschildert hätten, gäben nicht das vollständige Bild der Einsatznacht wieder, ließ sie mitteilen. Denn nicht nur Reker musste die Zeitungen aufschlagen, um zu erfahren, was wirklich passiert ist in jener Nacht zwischen Bahnhof und Dom. Das "kann ich als Oberbürgermeisterin dieser Stadt nicht akzeptieren", ließ sie mitteilen.

Reker hatte am vergangenen Montag, drei Tage nach den Ausschreitungen, vor Journalisten gesagt, die Behörden hätten keine Hinweise darauf, dass es sich bei den Beteiligten um Flüchtlinge handele. Einsatzberichte aus der Nacht erwähnen dagegen ausführlich unter anderem zahlreiche Personenkontrollen und Ingewahrsamnahmen. Nur wusste Reker zu diesem Zeitpunkt nach eigenen Angaben nichts davon. Gesicherte Erkenntnisse über die Herkunft der Täter gibt es nach wie vor nicht.

Gewerkschaften auf Distanz


Auch bei den Gewerkschaften hat Kölns Polizeispitze derzeit wenig Freunde. Man brauche sich nicht zu wundern, "dass von Kollegen jetzt Berichte über den Einsatz durchgestochen werden", sagt der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Arnold Plickert. Das Schweigen verunsichere nicht nur die Öffentlichkeit, sondern rücke auch die Einsatzkräfte in ein schlechtes Licht. "Die haben vor Ort alles gemacht, was möglich war - und jetzt fühlen sich viele von ihnen fast, als seien sie die Täter." Ob in einem internen Einsatzbericht vom Neujahrsmorgen tatsächlich bewusst der Hinweis auf die Herkunft der kontrollierten Personen entfernt wurde, wie es in Medien heißt? Das weiß auch Plickert nicht. Generell gebe es bei der Polizei aber "eine gewisse Berührungsangst": "Wenn wir Straftäter haben, die dem Flüchtlingsmilieu zuzuordnen sind, dann möchte man das am besten nicht nennen, um nicht in den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit zu kommen."

Plickerts Kollege Erich Rettinghaus von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) sieht das ähnlich: "Wenn sich herausstellt, dass bei den Silvester-Vorfällen bewusst Nationalitäten unterdrückt wurden, um politisch korrekt zu bleiben, wäre das ein Unding."

Bewusst? Davon will Albers nichts wissen. Ohne durch Fakten gestützte Tatvorwürfe gelte in Deutschland die Unschuldsvermutung, hieß es am Freitag in einer Stellungnahme. Und: "Mir vorzuwerfen, dass ich die Herkunft von Tatverdächtigen verschleiert hätte, ist ... vollkommen abstrus." Klartext zur Randale zwischen Bahnhof und Dom soll es erst in einem Bericht an den Innenausschuss des Landtags geben - am kommenden Montag. Eine Ewigkeit, wenn der Druck so stark ist.

Pfefferspray und Co. stark nachgefragtSeit den Übergriffen in Köln sind Pfefferspray und andere Selbstverteidigungsmittel nach Branchenangaben stark gefragt. "Die Fachgeschäfte bemerken seit Silvester noch einmal einen massiven Anstieg der Nachfrage", sagte der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler (VDB), Ingo Meinhard, am Freitag in Marburg. Bereits nach den Anschlägen in Paris im November seien viele besorgte Menschen gekommen, um sich über solche "freien Abwehrmittel" zu informieren und diese zu kaufen.

Meinhard schätzte, dass sich 2015 der Umsatz mit Pfefferspray, Reizgas oder Schreckschusswaffen im Vergleich zum Vorjahr "mindestens verdoppelt" habe. (dpa)
Wenn wir Straftäter haben, die dem Flüchtlingsmilieu zuzuordnen sind, dann möchte man das am besten nicht nennen, um nicht in den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit zu kommen.Arnold Plickert, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei
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