Stabile und positive Lage

Seit zwei Jahren ist Gerhard Witzany Präsident der Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim. Wir besuchten den kaufmännischen Vorstand der Schwandorfer Nabaltec AG und baten ihn um eine Einschätzung der wirtschaftlichen Lage in der Oberpfalz.

Herr Witzany, wie stellt sich für Sie aktuell die wirtschaftliche Lage in der Oberpfalz dar?

Gerhard Witzany: Die IHK macht regelmäßig Umfragen unter ihren Mitgliedern. Im Moment ist das Bild recht positiv. Die Kapazitäten sind weit ausgelastet. Die Oberpfalz ist wie die gesamte Bundesrepublik vom Konsum getrieben - Stichwort niedrige Zinsen. Das fördert den Handel. Tourismus hat bei uns sowieso einen immer höheren Stellenwert. Bau geht gut und Dienstleistungen auch. Zudem begünstigt der schwache Euro die Exportwirtschaft. Unsere Region hat schließlich einen Exportanteil von über 50 Prozent!

Kein Wermutstropfen?

Na ja, wir hören trotz allem eine gewisse Vorsicht bei den Unternehmen heraus. Viele können nicht glauben, dass es so positiv weitergeht. Die dunklen Wölkchen am Horizont sollte man auch nicht übersehen. So wird bei uns gestreikt auf Teufel komm raus. Die Streiks bei der Bahn etwa betreffen ja nicht nur die Ferienreisenden und Pendler. Das berührt auch Unternehmen, die auf den Güterverkehr angewiesen sind.

Worin liegt Ihrer Meinung nach die Stärke der Oberpfälzer Wirtschaft?

Unbedingt im gesunden Mix. Wir sind nicht durch Monoindustrie geprägt, sondern haben sehr viele Mittelständler wie Siemens, Conti, BMW, die oft familiengeführt sind. Dazu kommen Weltmeister wie Zollner Elektronik und Mühlbauer Anlagenbau in der Chamer Region. Die bieten sehr qualifizierte und sichere Arbeitsplätze. Oder auch EMZ Hanauer in Nabburg und Rheinhausen Maschinenbau in Regensburg sind weltweit tätig. Dazu haben wir etliche sogenannte Hidden Champions. Es kommen auch Rückwanderer, die wieder in die Heimat zurückwollen, was auch für die Region spricht. Also, wir können aus einer stabilen Position in die Zukunft schauen. Übrigens: Das Erfolgsrezept vieler dieser Unternehmen heißt Spezialisierung und hohe Innovationsleistung.

Die IHK Regensburg meldete vor kurzem ein Ausfuhrplus von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum - internationale Krisengebiete spielen wohl eine eher geringe Rolle?

Die politische Lage mit Russland und Ukraine würde man sich gerne anders wünschen. Einige unserer Unternehmen hatten dort ein großes Geschäft.

Als Chef eines sehr energieintensiven Unternehmens sind Sie in Energiefragen ein guter Ansprechpartner. Was bedeutet die Energiewende für unsere Wirtschaft?

Beim Thema Energiepolitik ist überhaupt nicht absehbar, wo es hinläuft. Da wurde mit heißer Nadel gestrickt; das Ganze ist von Kurzfristigkeiten und Unsicherheit geprägt. Wenn man sieht, dass jetzt von Frau Aigner neue Versorgungsstrecken vorgeschlagen werden, muss ich wirklich Angst um die Versorgungssicherheit in fünf Jahren haben. Neben der Sicherheit spielen aber auch die Preise eine Rolle. In den USA kostet Energie nur ein Drittel von dem, was wir hier bezahlen. Andererseits bietet die Energiewende auch Chancen für Unternehmen, die entsprechende Anlagen herstellen.

Wie sieht eigentlich die Zusammenarbeit der IHK mit der Handwerkskammer und den Verbänden aus?

Die Zusammenarbeit ist wirklich sehr gut. Wir haben ein beispiellos unkompliziertes Verhältnis, was übrigens nicht in allen Bezirken so ist. Es gibt keinerlei Wettbewerbsprobleme, das läuft sehr konstruktiv. Was sicher an den beiden Hauptgeschäftsführern liegt. Aber auch daran, dass wir zwei Präsidenten uns gut verstehen.

Die Große Kreisstadt Schwandorf hat die Gewerbesteuer von 350 auf 380 Punkte erhöht. Mit der Begründung, dass ansonsten die finanzielle Leistungsfähigkeit der Stadt gefährdet sei. War die Steuererhöhung "alternativlos"?

Wenn man zu wenig einnimmt, kann man seine Preise erhöhen. Bis man feststellt, dass dann weniger einkaufen und man noch weniger einnimmt. Oder man schaut, dass man attraktiver wird, und somit mehr verkauft. Diese Anmerkung habe ich dem Oberbürgermeister gegeben. Wobei natürlich die Probleme nicht während seiner Amtszeit aufgetreten sind. Die kommen ja aus der Vergangenheit. Industrieansiedlung muss ganz gezielt betrieben werden.

Dem in vielen Branchen zu spürenden Fachkräftemangel kann die Boomregion Regensburg möglicherweise unbesorgter entgegensehen. Aber im Norden des Bezirks, in den Landkreisen Tirschenreuth und Neustadt an der Waldnaab, ist das schon ein größeres Problem. Wie sieht es aus Sicht der IHK aus?

Das Image eines Unternehmens wird immer wichtiger. Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Zur Attraktivität gehört nicht nur regelmäßiges Gehalt, sondern zum Beispiel angepasste Arbeitszeitmodelle. Wenn der Mitarbeiter Teilzeit will, warum soll ich dem entgegenstehen? Das Teilzeitmodell muss halt auch für den Betrieb effizient sein. Das korrespondiert mit Familienfreundlichkeit - da müssen wir offener werden. Es gibt einen Wertewandel und einen Wandel der Ziele in der Gesellschaft. Da werden wir uns nicht dagegenstemmen dürfen, sonst gehen wir unter.

Was sind für die IHK die wichtigsten Aufgaben in naher Zukunft?

Die Energiewende wird in der IHK intensiv diskutiert. Die Ausbildungsplatz-Thematik nimmt eine wesentliche Rolle ein: Wie schaffen wir es, diese Stellen zu besetzen? Wie können wir eine hohe Ausbildungspraxis beibehalten? Wir müssen uns angesichts des demografischen Faktors mit der Integration der Zuwanderer beschäftigen. Die Politik hat es zumindest begriffen, dass man den Leuten, die eine Ausbildung machen, ein bestimmtes Bleiberecht geben muss, damit die Ausbildung nicht ins Nirwana läuft.

Und wir müssen für eine stärkere Anerkennung des Unternehmertums kämpfen. Das muss man etwa auch in der gesamten Erbschaftssteuerdiskussion sehen. Da wird einerseits angeprangert, dass Fonds in Mittelstandsbetriebe eindringen und die dann kapitalgetrieben agieren. Aber wenn die Erbschaftssteuer Familienunternehmen dazu zwingt, zur Finanzierung Fonds hereinzunehmen, dann muss man sich nicht wundern wenn diese Unternehmen ihren Charakter grundlegend ändern.
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