Taktiken und Wortwahl rechter Gruppierungen im Internet
Kampf gegen die Hydra

Bilder: dpa
  Rechte Gruppierungen haben erkannt, dass man mit modernen Methoden besonders an Jugendliche herangehen muss. Um in den "Mikrokosmos Jugendkultur" einzudringen und dort wahrgenommen zu werden, bedienen sich die Handelnden der Themen, die die Zielgruppe ansprechen. Musik, Kleidung, Videos und Präsenzen in den sogenannten sozialen Netzwerken gehören dazu. "Gerade für Jugendliche, die in ihrem Umfeld wegen ihrer radikalen Haltung auf soziale Sanktionen stoßen, schaffen solche Netzwerke einen Schutzraum", erklärt Politikwissenschaftler und Kommunikationsexperte Kai Brinckmeier gegenüber Tagesschau.de.

Im Interview mit "wired" erklärt Julia Schramm, Mitarbeiterin bei no-nazis.de: Die Rechten besetzen nicht nur das Flüchtlingsthema, sondern auch Heimatschutz, Tierschutz, Kinderschutz und Kapitalismuskritik." (Link zum gesamten Interview) Es gebe viele Menschen, die sich angesprochen fühlen, wenn ihnen jemand sagt: das ist doch euer Recht, besorgt zu sein als Bürger, wenn Flüchtlinge in euren Ort kommen. Oder besorgt zu sein als Eltern, wenn Homosexualität in der Schule auf dem Lehrplan steht. Diese Form von Umdeutung bestimmter Diskurse sei gezielte Strategie und diene der Verschleierung der wahren Inhalte und Ideologien.

Heißt es also "Schluss mit aggressiven Parolen und Springerstiefeln? Kai Brinckmeier bejaht dies. Seiner Beobachtung nach gehe es in den einschlägigen Foren "ernstzunehmende Debatten" über Strategien in der Meinungsbildung. Die Möglichkeit, sich schnell in lokalen oder regionalen Gruppen oder Interessengemeinschaften zu organisieren und - zumindest auf Zeit - mit anderen zu vernetzen sei die wohl größte Stärke dieser Vorgehensweisen. Einen weiteren Vorteil sehen die Neonazis darin, keine eigene Infrastruktur aufbauen und pflegen zu müssen. Das Einmischen in laufende Diskussionen, diese in ihrem Sinne mit ihrer "Wortergreifungsstrategie" lenken zu können ersetzt und ergänzt Homepages und Foren.

Große Strukturen wie das ehemals einflussreiche Neonaziforum "Thiazi" könnten zwar leichter zerschlagen werden, das Verbotene tauche aber an anderer Stelle wieder auf. Einzige Strategie gegen Hassinhalte seien Beobachtung und Aufklärung. Juristische Vorgehen sei nicht effektiv genug. "Damit schlägt man der Hydra immer einen Kopf ab, und am Ende sind drei Köpfe mehr nachgewachsen."

Dass dieses Phänomen nicht neu ist zeigt die Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“. Bereits 2010
positionierten sich die deutschsprachigen Sozialen Netzwerke gegen rechte Propaganda, initiierte www.netz-gegen-nazis.de, das Informationsportal der Amadeu Antonio Stiftung und der ZEIT, die Kampagne. Schon damals erklärten die Macher Absichten, Taktiken und Wortwahl der Agitatoren. Eine Auflistung, die nichts an Aktualität verloren hat (Quelle: Simone Rafael bei www.netz-gegen-nazis.de):

Was machen Neonazis in Sozialen Netzwerken?

  • Präsenz zeigen und Akzeptanzschwellen testen, indem Sie Profile mit mehr oder weniger offen zu erkennendem rechtsextremen Inhalt anlegen.
  • Ideologie möglichst breit gefächert verbreiten
  • Eigene Gruppen gründen - sowohl mit rechtsextremen als auch mit nicht eindeutig rechtsextremen Themen.
  • Mobilisierung für Demonstrationen und Aktionen.
  • Bei rhetorischer Gegenwehr, bewegen sie sich geschickt im eindeutig-zweideutigen Bereich, der rein juristisch nicht geahndet werden kann.
  • Oft geben sie sich nicht als Neonazi zu erkennen, sondern versuchen als vermeintliche Demokraten Diskussionen über die angeblich steigende "Ausländerkriminalität", Flüchtlinge und Islamismus anzustoßen.
  • Sie diskutieren direkt mit Menschen, die nie eine "echte" Neonazi-Webseite anklicken würden.


Warum machen sie das?

  • Rechtsextreme Inhalte können in unverfänglichem Umfeld präsentiert werden.
  • Die Reichweite erhöht sich, weil sie nicht nur innerhalb, sondern auch jenseits des eigenen Milieus verbreitet werden.
  • Sie versuchen, rechtsextreme Ideologie-Versatzstücke dort zu platzieren, wo Politik sonst keine Rolle spielt, und wollen damit politisch Raum gewinnen.
  • Im Internet können sie in der scheinbaren Anonymität Fanatismus ungehemmt(er) ausleben (als im wirklichen Leben).
  • Sie können gerade Jugendliche ohne Umwege mit ihrer Propaganda ansprechen, z.B. rechtsextreme Musik entsprechend streuen.
  • Wo rechtsextreme Inhalte lebensweltlich im Kontext von Freizeit und Hobby präsentiert werden, erscheinen sie als scheinbar legitime private Vorliebe.

Geschickt verstecktes Gedankengut


Die Agitatoren gehen geschickter vor als früher, die Themen sind gesellschaftsfähiger, rechte Gesinnungen schwerer zu erkennen. Die Wortwahl in den Beiträgen kann ein Anhaltspunkt für das Gedankengut hinter den Beiträgen und/oder Seiten sein.

Eine Auflistung rechtsextremer "Sprachcodes":

Selbstbezeichnungen:

  • „Nationaler Widerstand“
  • „Nationaldemokraten“
  • „Freiheitliche“
  • „Nationale Sozialisten“
  • „Nonkonforme Patrioten“


Aktuelle rechtsextreme Slogans

  • „Todesstrafe für Kinderschänder“
  • „Sozial geht nur national“
  • „Unsere Agenda heißt Widerstand“ (gegen Agenda 2010)
  • „Touristen willkommen – Ausländer raus“


Feindbilder, neben rassistischen, antisemitischen und homophoben Beschimpfungen:

  • "Systempolitiker“, „Systemparteien“ oder "Systempresse"
  • „Besatzerregime“ (die Bundesrepublik als illegitime „Besatzung“ des Dritten Reiches durch die Alliierten)
  • „Multikulti-Umerzieher“ (Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus und für Demokratie einsetzen)
  • „Asylbetrüger“, "Asylforderer", „Kulturbereicherer“ (für Migranten)


Worte mit Oi

Beziehen sich auf die Skinhead-Kultur, die ihre Musik als „Oi“ bezeichnet, abgeleitet von "joy" (Freude). Das „oi“ ersetzt in Worten häufig das „eu“. Ursprünglich unpolitisch, entsteht so ein rechtsextremer Beigeschmack, wenn es weitere rechtsextreme Bezüge im Wort gibt, wie bei

  • „Doitschland“,
  • Bandnamen wie „Doitsche Patrioten“,
  • „Kraft durch Froide“,
  • „Kroizzug“,
  • „Noie Werte“


Deutsche Wortneuschöpfungen für Begriffe aus anderen Sprachen

  • Weltnetz (Internet)
  • Epost (Email)
  • Heimseite (Homepage)
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