Telefonbuch hält sich hartnäckig
Altbewährtes Altpapier

Das klassische, gedruckte Telefonbuch ist im Internetzeitalter eigentlich ein Auslaufmodell. Es hält sich aber hartnäckig. Bild: dpa

Zu Anfang wurde das Telefonbuch kritisch beäugt, dann kam der Aufstieg zum Massenprodukt. Mittlerweile hätte das Internet das gedruckte Verzeichnis längst verdrängen können. Doch das Telefonbuch überlebt.

Braunschweig. Die Anfangseuphorie hielt sich in Grenzen: "Buch der 99 Narren" nannten die Berliner ihr erstes Telefonbuch, als dies 1881 auf den Markt kam - in Anspielung auf die knapp 100 aufgelisteten Personen. Die Skepsis war groß. Trotzdem traten die Telekommunikation und das dazugehörige Telefonbuch ihren Siegeszug an.

Auf der Suche nach einem Klempner oder der Sommerliebe aus dem Mallorca-Urlaub durchblätterten im Lauf der Jahre Millionen Menschen die dünnen Seiten. Heute reicht ein Blick ins Internet. Niemand muss mehr mit dem Finger die Einträge entlangfahren, während er das Alphabet vor sich hin murmelt. Trotzdem stapeln sich in den Hausfluren, im Supermarkt oder in eigens dafür errichteten Abholstationen jedes Jahr wieder Millionen gedruckte Telefonverzeichnisse, die irgendwie auch mitgenommen werden. Nur, warum?

"Ich selbst gucke ja eher selten ins Telefonbuch", meint der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Auskunfts- und Verzeichnismedien (VDAV) mit dem nachschlagenswerten Namen Rhett-Christian Grammatik. "Je älter der Nutzer und je ländlicher seine Wohngegend, desto mehr aber greift er zum Telefonbuch", fasst Grammatik eine VDAV-Studie von 2015 zusammen.

Gerade in Gebieten außerhalb von Ballungsräumen ist die gedruckte Form noch immer beliebt. In den eher ländlich geprägten Bundesländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern nutzen 70 Prozent der Menschen gedruckte Telefonbücher. In Berlin sind es nur 28 Prozent. Etwa die Hälfte der Deutschen nutzt zusätzlich oder ausschließlich die speziellen Telefonbuch-Seiten im Internet, ergab eine Umfrage von YouGov. Aber nur etwa jeder Vierte würde die Papier-Verzeichnisse ganz abschaffen wollen.

So eine rechte Erklärung hat auch Uwe Calm vom Braunschweiger Oeding Verlag nicht. "Das Buch ist einfach zur lieben Gewohnheit geworden, ohne dass man registriert, dass es da auch noch andere Möglichkeiten gibt", meint er. "Sie können blättern und stöbern", sagt Calm über den altmodischen Touch. "Vielleicht entdecken Sie etwas, was sie gar nicht gesucht hatten und verlieren sich ein bisschen. Das hat doch was."

100 Millionen Auflage


Er glaube an das Telefonbuch. Die Zahlen geben ihm recht: Mit einer Auflage von 100 Millionen Stück hat das Telefonbuch den gleichen Bekanntheitsgrad wie Bundeskanzlerin Angela Merkel erreicht - 97,5 Prozent. Es könnte also noch dauern, bis die Bücher ganz verschwinden.

Das Buch ist einfach zur lieben Gewohnheit geworden, ohne dass man registriert, dass es da auch noch andere Möglichkeiten gibt.Uwe Calm, Oeding Verlag


Zahlen und Fakten zum TelefonbuchDas erste Telefonbuch der Welt, 1878 in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut erschienen, enthielt keine Telefonnummern - sondern nur die genau 50 Namen derer, die ein Telefon besaßen. Verbunden wurde man vom Amt.

Das «Fräulein vom Amt» stand sprichwörtlich für all die Telefonistinnen, die in den Vermittlungsstellen arbeiteten. Die ersten «Fräuleins vom Amt» in den USA des späten 19. Jahrhunderts waren aber allesamt Männer.

«99 Narren» listete das erste deutsche Telefonbuch im Juni 1881 auf, wenn man dem Volksmund glauben darf. Der bezeichnete nämlich diejenigen Einwohner von Berlin, die den scheinbaren Quatsch aus den USA mitmachten, als Narren. Von dieser ersten Ausgabe ist kein Exemplar erhalten. Das nächst ältere, nur einen Monat später erschienen und vielfach nachgedruckt, nennt bereits 185 Namen.

Die Kongressbibliothek in Washington enthält die größte Sammlung historischer und ausländischer Telefonbücher, insgesamt weit über 100.000 Exemplare. Knapp 1500 aus rund 100 Ländern kommen jedes Jahr hinzu.
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