Unersetzlicher Verlust für Neualbenreuth
Briefe an die Redaktion

Zum Bericht vom 6./7. Dezember 2014 über die Schließung der Warenabteilung der Raiffeisenbank Neualbenreuth:

"Alle für einen - einer für alle." Diesen Spruch Friedrich Wilhelm Raiffeisens kennt jeder. Er ist vor 160 Jahren als Antwort auf die negativen Folgen der Industrialisierung und den extremen Hungerwinter 1846/47 entstanden. Der junge Bürgermeister aus dem Westerwald hat angesichts der großen Not der Mitbürger seine heute auf der gesamten Welt bewährte Idee in Stadt und Land durchgesetzt.

Auch bei uns in Neualbenreuth war diese Idee angekommen. In den 1970er und 80er Jahren machten die damals hier Verantwortlichen mit unternehmerischem Mut und Weitblick "die Raiffeisen" zu einer Vorzeigeeinrichtung über den Landkreis hinaus. Die Grenzlage am Eisernen Vorhang spielte damals keine Rolle, weil das Ziel stimmte. Durch die Einlagen der kleinen Leute und die Nachfrage aus Landwirtschaft, Betrieben und Haushalt war ein Unternehmen mit großem Einzugsbereich herangewachsen, das beispielhaft für die gesamte Region ringsum die jeweils erwirtschaftete Finanzkraft immer wieder neu für die eigene Bevölkerung einsetzte: Handel mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen, Wein und Baustoffen, Autoreparatur und -verkauf, Ausbildungs- und Arbeitsplätze, Kundennähe und Warenvielfalt waren die großen Stärken - zum Wohl von uns allen und ganz im Sinne des Gründers.

Ich selbst habe mit meiner Arbeitskraft von 1977 bis 1989 zu dieser Entwicklung beigetragen und die Zufriedenheit der Kunden als Lkw-Lieferant vor Ort direkt erfahren. Damals noch in schwerer Handarbeit mit manchmal bis zu 1000 bewegten Zentnern pro Tag - ohne Autokran! Ich war "Raiffeiserer mit Leib und Seele". Heute fallen für ähnliche Dienstleistungen warenfremde Nebenkosten für Kran und Zufahrt von 50 Euro und mehr an. Auf Dauer gerieten wir vor allem durch das verstärkte Gewinnstreben der Raiffeisen-Oberen und immer wieder neue Fusionen ins Hintertreffen. Man begann einzusparen. Die Schließung einzelner Sparten, ihre Verlagerung dorthin, wo "es sich besser zu rentieren schien", hat von außen das Handeln bestimmt. Mit diesem schrittweisen Rückzug von der Grenze entfernte man sich auch von großen Teilen der Stammkundschaft. Der Teufelskreis begann.

Die Schließung des gesamten Warenbetriebes in Neualbenreuth ist der vorläufige Schlusspunkt. Dabei wird bewusst in Kauf genommen, dass hier Menschen zurückgelassen werden, Familien, Haus- und Grundbesitzer, Betriebe und Vereine - halt die kleinen, jetzt alten Leute aus der Aufbauzeit. Sie hatten - alle für einen - mit ihrem Geld als Einlage und Kaufkraft die Neualbenreuther Raiffeisengenossenschaft seinerzeit groß ge-macht und wären jetzt dringend auf die Früchte ihres damaligen Vertrauens - einer für alle - angewiesen. Aber wen interessiert das da oben schon? Wichtig ist, dass die Bilanz stimmt. Für wen eigentlich? Und wie lange noch? Für mich ein Faustschlag voll ins Gesicht und ein hässliches Weihnachtsgeschenk dazu!

Selbst die mit teuerstem Geld in bescheidenem Wachstum begriffene Pflanze "Tourismus" wird diesem Ziel untergeordnet. Urlaubsgäste und mögliche Immobilienkäufer werden sich eine Ausdünnung unserer ohnehin mageren Infrastruktur nicht weiter gefallen lassen und auf ihre Weise entscheiden: Sie bleiben weg. Verständlich, denn ab nächster Woche kann kein Autofahrer mehr in Neualbenreuth den Reifendruck prüfen lassen, nicht einmal eine Beilagscheibe wird dann in unserer "aufstrebenden Tourismusgemeinde" zu haben sein.

Das verstehe wer mag! Will es die Raiffeisen-Führungsetage wirklich darauf ankommen lassen, dass wir Hiergebliebenen - Teile unserer jungen Leute wenden sich ohnehin schon ab - als Notbremse unsere altbewährten Kapitaleinlagen und Genossenschaftsanteile kündigen und anderswo risikoärmer anlegen? Die dann drohende Schließung der Bank wird offensichtlich schon jetzt eiskalt einkalkuliert.

Mein Vertrauen in den ehemaligen Arbeitgeber ist Unverständnis, Verbitterung und Zorn gewichen. Nicht nur bei mir. Auch für breite Teile der Bevölkerung reicht es nicht einmal mehr zum Kopfschütteln. Wo sind unsere Parteibosse, Politiker und Abgeordneten? Wollten sie nicht die Ränder unseres Bayernlandes stärken? Wollte nicht Landtagspräsidentin Stamm in ihrer Weihnachtsansprache, dass vor allem den Kleinen geholfen wird? Selbst die Worte des Papstes an die Kurie sind bei uns plötzlich höchst aktuell.

Wie die Sache auch gedreht und gewendet wird, die endgültige Lagerhausschließung wird ein unersetzlicher Verlust. Dem alten Raiffeisen würde es kalt den Rücken hinunter laufen. Aber der ist schon seit 1888 tot. Und die Neualbenreuther Genossenschaftsidee von einst - wird sie es auch bald sein?

Karl KöstlerErnestgrün

Stiefmütterliche Behandlung

Zum Leserbrief "So sieht man sich halt anderweitig um" vom 29. Dezember 2014:

Herzlichen Glückwunsch, dass Ihr Euch die Probleme vom Herzen geschrieben habt, die Euch fern halten, im Heimatort Wildenau sesshaft zu bleiben oder wieder zu werden. Das Problem in Wildenau, ein Haus zu bauen, bewegt junge Menschen schon seit Jahren. Einigen ist es gegen langen Widerstand des Bürgermeisters und des Marktgemeinderates nach Jahren gelungen, in ihrem Heimatort Wildenau bleiben zu können, teils in ungeliebter Lage, teils wegen Ortsabrundung.

Das vorhandene Baugebiet in unmittelbar Nähe zu der von vielen Pkws und Lkws befahrenen Staatsstraße ist wirklich eine Zumutung. Diese wird sich noch steigern, sollte die Ortsumgehung in Plößberg nach Jahrzehnten Verzögerung doch irgendwann verwirklicht werden, weil dann der Lkw-Verkehr mit Autobahnmaut-Verweigerung noch zunehmen wird.

Natürlich ist der Baulandpreis mit Erschließung bei 140 Euro eine Zumutung und ein Witz. Warum kann man zum Beispiel in Irchenrieth für 76 Euro kaufen - mit günstiger Anbindung an Weiden?

Der Markt Plößberg und der Landkreis Tirschenreuth sollten nicht jammern über Überalterung und Einwohnerschwund, wenn die Bürokratie so langsam arbeitet oder zeitliche oder preisliche Hürden aufbaut, ganz zu schweigen, dass sich die Infrastruktur bei schwindenen Einwohnerzahlen nicht mehr rechnet.

Seit Jahren wird der Ort Wildenau stiefmütterlich behandelt. Die Schüler weiterführender Schulen müssen außerhalb des Ortes an der Staatsstraße ohne Gehsteig aus dem Bus aussteigen und in und durch den Ort laufen. Die Straßen sind teils in einem desolaten Zustand. Die Wasser- und Kanalgebühren steigen unerklärt hoch, trotz eines zum Teil nicht funktionierenden Abwasserkanals.

Bauinteressenten bleiben dem Ort Wildenau und seinen Vereinen erhalten, als Festleiter, Sportler und 1. Schützenmeister. Bleibt und gebt keinen Vorwand, dass die gemeindliche Alternativplanung zur Errichtung von Windkraftanlagen als Würgegürtel für Wildenau realisiert werden kann, einem Dorf mit seinen aktiven Vereinen und gutem kulturellen Angebot, das Jugend und junge Familien will, aber politisch behindert wird.

Hans StahlWildenau

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