Unikate von einem Original

Georg Leugner-Gradl steigt aus dem Flieger. Dieses Mal war es China, vorher Saudi-Arabien. In seinen Ohren pfeift es. Heute Abend wird es nichts mehr mit dem Stimmen, der Balg wird nicht mehr zugedrückt und aufgezogen, kein Luftstrom, keine durchschlagenden Zungen in Schwingungen, keine Töne. Handzuginstrumente wollen in höchster Konzentration behandelt werden. Nach China geht das nicht.

Steinling. Die Sonne scheint und taucht den kleinen Ort Steinling in warmes Licht. Georg Leugner-Gradl fährt mit dem Bulldog schnell noch die restlichen Sachen hoch zur Brauerei - das zünftige Musikfest gestern, der "Steinlinger Balg", war ein großer Erfolg. Wir sitzen auf einer urigen Bank vor dem Haus des Handzuginstrumentenmachers. Es ist das alte Schulhaus von früher.

Musikalischer Handwerker

China und Saudi-Arabien, das war gestern. Heute ist Georg Leugner-Gradl mehr und mehr das, was er eigentlich schon immer gewesen ist: ein musikalischer Handwerker - oder handwerklicher Musiker. Seit zehn Jahren fährt der IT-Experte seine digitale Berufswelt kontinuierlich herunter, um sich seiner Leidenschaft zu widmen, die damals neu entfacht wurde.

"Ich stamme aus einer Musiker-Dynastie", sagt der Mann in kurzer Hose und T-Shirt. "Opa, Vater, alle waren sie Musikanten, spielten und lebten die echte Volksmusik."

Es war diese alte und kaputte Quetschn, die der Vater seinem Sohn eines Tages in die Hand gedrückt hat, und von der Georg Leugner-Gradl wissen wollte: "Kann ich die noch reparieren?" - Ein Moment, wie eine Initialzündung. Fortan verschlingt der Oberpfälzer unzählige Bücher, zerlegt Instrumente, baut sie wieder zusammen, lernt die Zusammenhänge verstehen, paukt Lehrpläne vom Kultusministerium und eröffnet schließlich seinen eigenen Handwerksbetrieb. China muss warten.

Von anno dazumal

Wir gehen ins Haus hinein und stehen ehrfürchtig vor dem Ersatzteillager: Alte Akkordeons, noch ältere Bandonions und Konzertinas stapeln sich, überall Knöpfe, Tasten - fast scheint es, als würden all diese Instrumente das gleiche Lied anstimmen: "Seht, was aus uns geworden ist." Für Georg Leugner-Gradl ist dieses Ersatzteillager größte Schatzquelle, denn diese offengelegten Instrumente sind Originalteile, die zu neuem musikalischen Leben von anno dazumal führen.

"Ich will nichts kaputt restaurieren, sonst geht die Geschichte, die in so einem Instrument steckt, verloren." Wer sein Instrument zum Restaurieren oder Reparieren bringt, der weiß es bei dem Handwerker, der in zahlreichen Bands und Kapellen spielt, in besten Händen. Denn aus seiner Schatzquelle fischt Georg Leugner-Gradl zielsicher jenes alte Originalteil heraus, welches dem Instrument zu ursprünglicher Klangschönheit verhilft.

Das macht nur er

Der Anblick dieses Schatzteillagers, die Idylle vor dem Fenster, die besondere Atmosphäre des alten Schulhauses und das Zuhören des Erzählers ziehen einen unweigerlich in den Bann. "Ich möchte das Moderne, die industriell gefertigten Handzuginstrumente nicht schlecht reden, der Klangcharakter ist nicht unbedingt schlechter - doch diese hochgezüchteten Produkte klingen eben nicht so schön wie handgemachte." Das, was Georg Leugner-Gradl macht, macht nur er. In Bayern sowieso, und wer sich auf seine Philosophie einlässt, stellt fest: Alles ist einzigartig.

Passion für Altes ...

"Piano-Tastatur aus Italien oder Knöpfe aus dem Vogtland - jedes Akkordeon hat seine eigene Geschichte, die muss man verstehen, um das Instrument wieder so erklingen zu lassen, wie einst." Dabei sei es nicht von Bedeutung, ob Opas alte Quetschn vom Dachboden oder eine "Morino Artiste XD" in seiner Werkstatt lande - jedes Instrument habe es verdient, mit Leidenschaft und Herzblut restauriert, repariert oder gestimmt zu werden. Höchste Töne des Meisters, während der Blick über komplette Sätze Messingstimmplatten für Wiener Schrammel von Trimmel, Regelstein und Barton schweift.

... und Neues

Und dann wird es ernst. Es geht um einen Prototypen. Ein Instrument, an dem Georg Leugner-Gradl seit vielen Jahren arbeitet, ein Instrument, das ihm schlaflose Nächte beschert hat, eines, für das es bereits jetzt Interessenten aus Südfrankreich, Paris und Genf gibt: eine echte Schrammelharmonika. Ein chromatisches Akkordeon mit drei Knopfreihen und besonders weichem Klang.

Ein Gesamtkunstwerk

Das ganze Wissen und Können des Oberpfälzer Virtuosen fließt in dieses Produkt hinein, im Herbst soll es seinen krönenden Abschluss finden. "Alles daran und darin ist besonders, die Balgecken und Balgkartonfalten, Schrauben, Leder, Draht - ein Gesamtkunstwerk namens Steinlinger." Damit wird das Dorf in die Welt hinausgetragen. Sicher auch bis nach China.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.steinlinger-balginstrumente.de
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