Untersuchungsbericht der Germanwings-Katastrophe in Paris vorgelegt
Ermittler fordern Konsequenzen

BEA-Chef Rémi Jouty und Arnaud Desjardin (rechts), der bei der Behörde die Untersuchungen zum Germanwings-Absturz leitete, gaben der Presse einen Einblick in die wichtigsten Erkentnisse nach der Katastrophe. Bild: dpa

Fragen zu den letzten Minuten von Unglücksflug 4U9525 werden wohl für immer offen bleiben. Als die französische Untersuchungsbehörde BEA ihren Abschlussbericht über den Germanwings-Absturz vorlegte, gab es für die Angehörigen aber auch beruhigende Erkenntnisse.

Paris. Was geschah während des Germanwings-Flugs in den Tod? Die französische Untersuchungsbehörde BEA hat auf 124 Seiten zahlreiche Details zusammengetragen und ihren Abschlussbericht am Sonntag in Paris vorgestellt. Angehörige der 150 Opfer informierte die Behörde bereits einen Tag vorher - in Bonn und Barcelona, schließlich kamen die meisten der Getöteten aus Deutschland und Spanien.

Beruhigende Erkenntnisse


Für viele Familien und Bekannte bleiben auch nach dem Bericht wichtige Fragen offen. Ein Verwandter formulierte am Wochenende den für ihn entscheidenden Punkt so: "Wie kann ein Mensch mit schweren Depressionen als Berufspilot tätig werden?"

Andere Angehörige berichteten von Aussagen, die auf sie "beruhigend" gewirkt hätten: Der Autopilot war nach den Erkenntnissen so eingestellt, "dass die Passagiere das als normalen Sinkflug empfinden mussten". Copilot Andreas L. (27), bei dem die BEA von einem Suizid mit "bewusster und geplanter Handlung" ausgeht, hatte den Autopiloten auf Crashkurs gebracht, als er ohne den Flugkapitän allein im Cockpit war.

Möglicherweise hat der überwiegende Teil der Flugpassagiere also nicht oder zunächst nicht mitbekommen, welches Drama sich im vordersten Teil des Airbus A320 abspielte. Ein weiteres Indiz dafür wird von Verwandten genannt: "Das fünfmalige, heftige Klopfen an die Cockpittür kam nicht von der Bordaxt." Es ist also gut möglich, dass die Geräusche in den Sitzreihen gar nicht oder nicht sehr laut zu hören waren.

Copilot mit Psychose


Copilot L. war zum Zeitpunkt der Katastrophe krankgeschrieben und stand unter Medikamenteneinfluss. Ein Allgemeinmediziner hatte sogar eine mögliche Psychose diagnostiziert und ihn in eine psychiatrische Klinik überwiesen. So steht es im Abschlussbericht. Doch nicht alle Krankmeldungen kamen beim Arbeitgeber an.

Was für Verwandte nach eigenen Angaben besonders schwer wiegt: "Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, die eingingen, wurden nicht an den flugmedizinischen Dienst der Lufthansa weitergeleitet." Damit habe es keine Möglichkeiten für Fragen nach dem Grund gegeben. "Hier scheint ein Systemfehler bei Germanwings vorzuliegen", folgern einige Opfer-Angehörige.

BEA-Chef Rémi Jouty trat vor den Journalisten internationaler Medien gewohnt zurückhaltend auf. Gemeinsam mit Arnaud Desjardin, der die Untersuchungen zum Germanwings-Absturz bei der BEA leitete, gab Jouty knapp 90 Minuten lang einen Einblick in die wichtigsten Erkenntnisse nach dem Absturz. Und empfahl Konsequenzen: So fordert die BEA jetzt routinemäßige Überprüfungen bei Ausfällen von Piloten und klare Regeln für die ärztliche Schweigepflicht. Diese sei in vielen Ländern sehr unterschiedlich geregelt, heißt es bei der BEA. Die Untersuchungsbehörde betonte am Sonntag erneut, sie gebe nur Empfehlungen ab - für juristische Fragen oder gar Schadenersatzregelungen sei die BEA nicht zuständig.

"Deutliche Mängel"


Opferanwalt Christof Wellens zufolge hat der Untersuchungsbericht deutliche Mängel aufgezeigt bei der Auswahl, der Einstellung und der Überwachung des verantwortlichen Copiloten. "Der Lufthansa-Konzern hat einen psychisch krankhaft vorbelasteten Pilotenanwärter eingestellt und ausgebildet, ein Fehler mit schrecklichen Folgen", kritisierte Wellens.
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