Unterwegs nach Utopia

Man surft im Internet, wählt Musik aus, telefoniert, schreibt E-Mails oder macht ganz einfach die Augen zu - während draußen die Landschaft vorbeizieht. Und das Auto von selbst fährt.

Das Lenkrad hat sich zurückgezogen wie eine Schnecke in ihr Gehäuse. Die beiden Vordersitze sind nach hinten gedreht. Alles ist anders im F 015, dem jüngsten Forschungsfahrzeug von Mercedes. Zu viert sitzen wir uns wie in einer Lounge gegenüber. An den Türen befinden sich riesige Displays. Mittels Blickerfassung, Gestik, Annäherungs-Sensorik oder einem kurzen Fingertipp darauf lassen sich die gewünschten Menüs ansteuern.

Der F 015 ist autonom unterwegs, emissionsfrei und leise. Unter der Karbonkarosserie steckt ein Brennstoffzellen-Antrieb. Der erste Gedanke: Die neue Art des Reisens erlaubt uns, die Zeit wesentlich sinnvoller zu nutzen, als sie hinter dem Lenkrad zu verplempern. Erst recht in Situationen, in denen die Freude am Fahren ihre niedrigste Stufe erreicht hat, beispielsweise im monotonen Kolonnen- und Stop-and-Go-Verkehr auf der Autobahn. Wer hätte da nichts Besseres zu tun?

Nicht nur wer die Fahrt in der futuristischen Limousine erlebt, fühlt sich aus der Gegenwart genommen, sondern auch wer dieses silberfarbene Auto heransurren sieht. Es gleicht einem "Ufo", besser gesagt einem "Udo", Unknown driving object. Der F 015, dem seine Erbauer den Zusatznamen "Luxury in Motion" gaben, soll das Design und die individuelle Mobilität im Jahre 2030 und darüber hinaus widerspiegeln.

Und er soll in den Augen von Mercedes weit mehr sein als ein reines Transportmittel. "Das Auto von morgen wird zum mobilen Lebensraum", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche. Das Motto: "My home is my car".

Eine Aussage, die auch Alexander Mankowsky bestätigt. "Großstädte wachsen weiter", sagt der Zukunftsforscher. "Der Wunsch des Menschen nach Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten nimmt zu. Wir werden öfter unterwegs sein als heute. Autonomes Fahren wird Alltag. Die gewonnene Zeit im Auto bekommt damit eine völlig neue Qualität, Zeit und Raum wird zum Luxus der Zukunft", so Mankowsky.

Besonders auf Letzteres zielt der F 015 ab. Mit 5,22 Metern ist er so lang wie eine S-Klasse, verfügt aber über einen Radstand von 3,61 Metern - mehr als ihn der Mercedes-Maybach S 600 aufweisen kann. In Kombination mit dem sehr kurzen Überhängen wird klar: Den Entwicklern war maximales Platzangebot das Wichtigste; und ein leichter Zugang. Ein Grund, warum der F 015 große Salontüren bekam, die sich bis zu 90 Grad öffnen lassen.

Was das utopische Gefährt ebenfalls von heutigen Autos unterscheidet: Es kommuniziert visuell und akustisch mit seiner Umwelt. Dafür sorgen unter anderem Stereokameras, Radar- und Ultraschallsensoren, große LED-Displays an Front und Heck sowie ein Laser-Projektionssystem. Fährt der F 015 autonom, leuchten die Displays blau. Ist er konventionell unterwegs, wird dies in Weiß signalisiert.

Will ein Passant die Straße überqueren, stoppt der Mercedes und legt ihm per Laser einen grünen Zebrastreifen auf die Straße. Gleichzeitig ertönt ein "Please, go ahead". Den nachfolgenden Verkehr warnt das Heck mit einem großen roten "Stopp" auf dem Display. Denkbar sind noch viele andere Szenarien, in denen das Fahrzeug mit dem Passanten kommuniziert. Alexander Mankowsky: "Autonome Autos müssen das Vertrauen der Menschen gewinnen, nur dann wird aus einer Vision auch Wirklichkeit." (mid)
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