USA: Franz Piehler findet sein Glück, Veronika Neto emigriert aus Liebe
Goodbye Oberpfalz

Mit der eigenen Kunst im Rücken schmeckt das Glas Wein besonders gut. Die Tänzerin, die Veronika Neto malte, schmückt eine Wand in der Tapas-Bar Casa d`Paco. Bilder: doz (6)

Franz Piehler ist wie die Birke, die vor seinem Haus steht. Er hat sie 1985 gepflanzt. Nun überragt sie das zweistöckige Gebäude. Auch er hat tiefe Wurzeln geschlagen. Veronika Neto hingegen sehnt sich in die Oberpfalz zurück. Über zwei Menschen aus der Heimat in der Ferne.

Um seine große Liebe nach Amerika zu holen, braucht Franz Piehler fünf Jahre und 60 Briefe. Als er 1950 auswandert, schreibt er seiner Gertraud jeden Monat. Sie fängt in Amberg den Postboten ab, damit die Eltern nichts mitbekommen. Mutter und Vater wehren sich gegen die Beziehung. Gertraud gewinnt den Kampf. 1955 fährt der Vater sie nach Hamburg. Mit dem Schiff "Wes Terdam" überquert Gertraud den Atlantik. Im selben Jahr heiratet sie Franz.


Ein Küsschen für die große Liebe. Franz Piehler kämpfte fünf Jahre lang, dass seine Gertraud ihm in die USA folgt. Mit Erfolg. 1955 reiste sie ihm nach Amerika nach. Bild: hfz

Als Veronika und ihr Mann Angelo (28) in den USA ankommen, tragen beide bereits ihre Eheringe, die sie sich 2009 angesteckt haben. Angelo kehrt in die Stadt zurück, in der er aufwuchs. In Newark lebt seine Familie. Nach der Schule stationiert ihn die U.S.-Army in Grafenwöhr. Er lernt Veronika in der Nürnberger Salsa-Bar "Fogon" kennen. Hochzeitsfeier im Drahthammer-Schlössl. Alles läuft gut. Sogar ein Unfall stellt sich als Segen heraus. Das Auto, in dem er und sein Freund sitzen, überschlägt sich mehrmals. Angelo bricht sich das Handgelenk und drei Wirbel. Wegen der Operationen muss er nicht nach Afghanistan.


Franz Piehler erzählt seine Lebensgeschichte, während er drei Brote verdrückt und eine Tasse Tee genießt. Doppelter Grund zum Lächeln. In seinen 89 Lebensjahren hatte der gebürtige Amberg-Sulzbacher viele Glücksmomente. Und die Brotzeit schmeckt.

Aber die russischen Soldaten konnte nichts stoppen. Sie haben alles überrannt.Franz Piehler über seine Erlebnisse im Krieg

Franz Piehler kämpft im Zweiten Weltkrieg. Mit 16 Jahren zum Arbeitsdienst. Stillgestanden mit Spaten statt Gewehren. Anschließend ein Einsatz bei der Infanterie-Division in der Tschechoslowakei. Mit echten Gewehren. Nach der Grundausbildung soll er in Österreich Sabotage-Angriffe auf Züge und Lastwagen verhindern sowie Brücken bewachen. "Aber die russischen Soldaten konnte nichts stoppen. Sie haben alles überrannt." Bei einem Gefecht durchschlägt eine Kugel seine rechte Schulter. Zum Glück. Statt in russischer Gefangenschaft landet Franz in einem Münchner Krankenhaus. Als die Amerikaner die Landeshauptstadt besetzen, muss er für vier Wochen in ein Entlassungslager in Fürstenfeldbruck und ist anschließend ein freier Mann.

Mac und Waschmaschine


Nachdem Angelos Zeit bei der U.S.- Army endet, folgt die Zäsur. Er arbeitet bei Zeitarbeitsfirmen; spült für eine große deutsche Brauerei Masskrüge. Jeden Abend kommt Veronika von ihrer Agentur-Arbeit als Grafik-Designerin nach Hause und sieht ihren Mann, wie er seine Zeit mit Computerspielen verplempert. Sie sieht einen Mann ohne Perspektive. An einem Abend legt Veronika nicht einmal ihre Jacke ab, als sie sich zu ihrem Mann setzt und fragt: "Angelo, wo siehst Du Dich in fünf Jahren?" Er antwortet nicht und lehnt sich zurück. Er weiß: In Amerika zahlt ihm der Staat das Studium, weil er drei Jahre Soldat war. "Lass uns eine Nacht darüber schlafen", schlägt Veronika vor. Am nächsten Tag ist die Entscheidung gefallen. Angelo will studieren. Wenige Wochen später reisen die beiden ab. Veronika tut es aus Liebe.


Veronika Neto emigriert, damit ihr Mann Angelo in den USA studieren kann. Beide leben mit ihrem vierjährigen Sohn Oscar in Newark, einer Stadt in New Jersey.

Franz Piehler lernt seine Frau schon mit 14 Jahren kennen, als er eine Lehre in der Gärtnerei Rupprecht in Amberg beginnt. Sie ist die Tochter der Inhaber. Der Zweite Weltkrieg trennt beide. Nach dem Entlassungslager kehrt Franz zu seiner Gertraud zurück und beendet die Gärtner-Lehre. Weil die wirtschaftliche Not groß ist und Franz das Leben als Bauernbub aus seiner Kindheit in Schleißdorf kennt, emigriert er. In der Straße Depew 151 in Peekskill lebt er seit 1963. In einer Idylle rund 60 Kilometer nördlich von New York.

Ich will nicht, dass mein Sohn Oscar hier in Newark zur Schule geht.Veronika Neto über Newark, wo sie seit 2009 lebt

Ganz anders in Newark. In der Wartehalle der Pennsylvania-Station stehen knarzige Holzbänke. Darauf steht: "Sitzplätze nur für Ticket-Inhaber. Zwei Stunden Zeitlimit." Die Menschen haben zerrissene Hosen an und streifen sich die Kapuzen ihrer Pullover über. Entweder sie schlafen oder sehen müde aus. Es klingt nach leise-dröhnenden Zügen und zerplatzten Träumen. Es gibt viel Kriminalität. 112 Morde im Jahr 2013, ein Jahr später 93 Morde. Zum Vergleich: In ganz Deutschland waren es 282 (2013) beziehungsweise 298 (2014) Mordopfer. Veronika prüft jeden Abend mehrmals, ob sie die Türe abgeschlossen hat. Vor kurzem haben Unbekannte versucht, übers Fenster einzusteigen. "Ich will nicht, dass mein Sohn Oscar hier in Newark zur Schule geht", sagt Veronika. Ihr Sohn ist vier Jahre alt.



Drei Onkel und drei Tanten von Franz Piehler wanderten nach dem Ersten Weltkrieg nach New York aus. Der Schleißdorfer tut es ihnen im Juni 1950 gleich. Eine Tante bürgt für ihn. Ihr Mann, ein Franzose, verschafft dem Oberpfälzer Arbeit als Klempner. Franz findet es schrecklich. In den stickigen Kellern in Brooklyn wimmelt es von Ratten. Als ihn die U.S.-Army einberuft, bessert sich sein Leben. Das zweijährige Intermezzo bezeichnet er als "große Ferien". Ein halbes Jahr New Jersey, ein halbes Jahr Panama und ein Jahr Grönland. Wenig Arbeit, viel Truthahn. Anschließend arbeitet er wieder als Klempner. 1956 stirbt sein Chef. Er übernimmt das Geschäft und leitet es bis zur Rente.


Eine Künstlerin wie Veronika Neto braucht heutzutage mehr als nur Stift und Papier. Ohne Rechner geht nichts mehr. Ihre achtteilige Pinup-Girls-Serie hat die 32-Jährige eingescannt.

Auch bei Veronika läuft es beruflich gut. Als Grafik-Designerin kann sie von überall aus arbeiten. Aufträge kommen von Privatkunden, aber auch von großen deutschen Firmen. "Reich werde ich mit meiner Kunst nicht", sagt sie. Es genügt jedoch für Miete, Essen und Lebensunterhalt. Da Angelo studiert, ist Veronika Alleinverdienerin. Feuerwehr-Spielzeugauto, Waschmaschine und Mac stehen für ihre Rollen als Mutter, Hausfrau und Künstlerin. Während Veronika auf dem Rechner eine Aquarell-Malerei eines verliebten Pärchens vor der Brooklyn Bridge zeigt, spielt ihr Sohn Oscar auf der Couch. Er turnt in Spiderman-Unterhose herum und verrät, dass er sich "Oscarneto" nennt. Sein Vor- und Zuname zusammenhängend gesprochen. So klingt es nach Superheld.

Gerahmtes Glück


Auch Franz Piehler glaubt, Superkräfte zu haben. Seine Kinder müssen ihn abhalten, dass er das Dach repariert. Trotz seiner 89 Jahre fährt er noch Auto, kauft ein, pflegt den Garten. Routinen schärfen seinen Geist, Spaziergänge halten ihn fit. Aber er vermisst seine Gertraud. Sie stirbt 2010 an einem Herzinfarkt. Noch heute erinnert vieles an sie. Ein Gemälde von der Mariahilfberg-Kirche, Bierkrüge mit dem Nabburger Tor und der Amberger Stadtbrille, ein Teller mit der Pfarrei Wutschdorf, ein Amberger Kaffeehaferl. Porzellan, das von ihrem Heimweh erzählt. Franz Piehler hatte nie Sehnsucht nach der Oberpfalz. In seinem Haus gibt es eine Wand mit Bildern. Darauf zu sehen: Seine vier Kinder, acht Enkel, zwei Urenkel und seine sieben Geschwister, die nach ihm in die USA auswanderten. Gesammelte Glücksmomente im Holzrahmen.


Das Nabburger Tor, die Amberger Stadtbrille. Die Motive auf den Bierkrügen erinnerten vor allem Franz' Frau Gertraud an ihre Heimat.

Veronikas Verwandtschaft lebt 6400 Kilometer Luftlinie entfernt in Kümmersbruck (Amberg-Sulzbach). "Ich war immer ein Familienmensch. Das ist schon etwas, das mich zurückholen will." In drei Jahren will sie wieder nach Deutschland. Angelo braucht noch eineinhalb Jahre, um das Maschinenbau-Studium abzuschließen. Und Berufserfahrung in einer internationalen Firma. Veronika will abends einen Mann mit Perspektive sehen. Dafür nimmt sie die Ein-Zimmer-Wohnung in Kauf. Blöcke, Pinsel und Bleistifte füllen einen Schrank, liegen auf dem Trockner oder auf dem Küchentisch. Und Fineliner. Mit ihnen hat die 32-Jährige eine achtteilige Serie mit Pinup-Girls gezeichnet. Frauen mit roten Lippen und entschiedenen Blicken. Die Pinselstriche verraten, dass die Damen eine starke Persönlichkeit haben. Wie Veronikanetos.



Veronika NetoDie Künstlerin veröffentlicht ihre Werke in den sozialen Netzwerken. Sie ist zu finden unter:

instagram.com/veronikanetodesigns

facebook.com/veronikanetodesigns

twitter.com/veronika_neto

Ein Online-Shop vertreibt Tassen, Kissen, Taschen und Co. mit ihren Illustrationen: www.society6.com/veronikaneto

Aufträge nimmt die 32-Jährige unter der E-Mail-Adresse veronika@netodesigns.com entgegen.



Auslandsreportage-SeminarDie Geschichte entstand beim Auslandsreportage-Seminar der Akademie der Bayerischen Presse (ABP). Zwölf Tage recherchierten zwölf Journalisten aus Deutschland und Italien für ihre Reportage. Alle Artikel von Christopher Dotzler, die ihm Rahmen des Seminars entstanden sind finden Sie unter www.onetz.de/themen/auslandsreportage-new-york.html
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