Vegan-Pioniere auf dem Vormarsch

In wenigen Tagen bezieht AVE ein neues Verwaltungs- und Logistikgebäude: Eine 84 Meter lange und 30 Meter breite Halle wird dem Wachstum von Europas Marktführer unter den Großhändlern für vegane Lebensmittel gerecht.

Nabburg. Diesen Höhepunkt der Unternehmensgeschichte kann Firmengründer Tobias Graf leider nicht miterleben. Der Oberpfälzer Pionier für vegane Lebensweise, starb im September 2014 während der Planungsphase im Alter von nur 35 Jahren an Krebs. Doch seine Ideale und seine Ideen leben weiter im Unternehmen AVE.

Graf gründete sein "Absolute Vegan Empire" 2001 als Europas erstes Großhandelsunternehmen für vegane Produkte. Sein Schlüsselerlebnis war ein Besuch als Schüler in einem Schlachthof. Aus ethischen und Tierschutzgründen verschrieb er sich von da an der veganen Lebensweise. Er verzichtete nicht nur auf Fleisch, sondern auf alle tierischen Produkte. Wie andere Veganer widerstrebte ihm auch eine indirekte Unterstützung der Massentierhaltung. Angesichts der Defizite im Angebot wollte der damals 21-Jährige allen Gleichgesinnten mehr Alternativen zu Fleisch-, Milch- und Eiprodukten bieten. Den Firmennamen wählte er in Anlehnung an den Namen der Tierrechtsgruppe "Absolute!". Begonnen hatte er zusammen mit seiner Frau Heike mit zwei Regalen im Keller seiner Eltern in Schwarzenfeld - die ersten Produkte waren Heferiegel und Snacks.

Der Idealismus der beiden traf wohl genau auf eine Haltung in der Gesellschaft, die angesichts vieler Lebensmittelskandale und/oder aus gesundheitlichen und ethischen Gründen ihre Ernährung umstellen wollten. So entwickelte sich die "Kellerfirma" ziemlich rasch zu etwas Größerem. Bereits 2008 zog man ins neue Firmengebäude nach Nabburg und übernahm den Onlineshop Alles-vegetarisch.de. Doch angesichts der Erfolgswelle platzte auch das neue Domizil bald aus allen Nähten. "In Nabburg gab es schließlich keine leerstehende Halle mehr, die wir nicht angemietet hatten", sagt Heike Graf.

Mittlerweile versorgte AVE mit seinem umfangreichen Vollsortiment den Großhandel, den Lebensmitteleinzelhandel, die Hotellerie, Gastronomen, Restaurants, Cafés, Bioläden und Reformhäuser. Auch der Onlinshop mit seinen über 2000 Artikeln hatte sich zum europaweiten Marktführer gemausert. Die Zeit war reif geworden für einen Neubau im ganz großen Stil. 3,5 Millionen Euro sollten investiert werden. Doch die Krebserkrankung des Firmengründers im Frühjahr 2014 zog den Akteuren schlagartig den Boden unter den Füßen weg. Auf den schmalen Schultern seiner Frau lastete jetzt eine große Bürde. Die 35-jährige Mutter der gemeinsamen dreijährigen Tochter musste zunehmend Aufgaben im Betrieb übernehmen und weitreichende Entscheidungen treffen. "Wir hatten ja auch eine soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Familien", betont sie. "Schließlich war für alle der Weg nach oben klar vorgezeichnet."

Langjähriger Vertrauter

Unterstützung fand sie bei John Gahlert. Der sollte eigentlich als zweiter Geschäftsführer die Einzelhandelskunden und den Online-Shop betreuen. Als langjähriger Vertrauter stand der E-Commerce-Experte den Grafs schon länger beratend zur Seite. Er spielte auch seit Jahren schon als Bassist in der von Tobias Graf 1997 gegründeten Metal-Band "Deadlock" (deutsch: Systemblockade), deren Songtexte die vegane Lebensweise propagieren (alle Bandmitglieder leben vegan). "Mich brachte zunächst der Gesundheitsaspekt zur veganen Ernährungsweise", erzählt der 32-jährige Thüringer. "Ich hatte vorher 96 Kilo Körpergewicht, brauchte mehrmals im Jahr Antibiotika und war ein richtiger Fastfood-Stresstyp. Seit ich auf Fleisch, Milch und Käse verzichte, habe ich 20 Kilo abgenommen und fühle mich um 100 Prozent besser."

Derzeit 70 Beschäftigte

Nach Grafs Tod übernahm Gahlert gemeinsam mit der Eigentümerin Heike Graf und dem vertrauten Mitarbeiter-Team die Geschäfte. "Meine Aufgabe war es, das Team so zu organisieren, dass wir auch in 10 oder 20 Jahren noch ein guter Arbeitgeber in der Oberpfalz sind", erläutert er. "Derzeit beschäftigen wir über 70 Mitarbeiter und kooperieren mit einem bundesweiten mehrköpfigen Expertennetzwerk. In dieser Bandbreite ist sonst keiner in Deutschland aufgestellt. Wir beliefern zum Beispiel Tegut, Rewe, Lufthansa, Catering-Unternehmen in Fußballstadien und Messezentren."

Logistik-Experte als Rettung

Trotz einer gewissen Kontinuität in der Geschäftsführung - das Neubauprojekt erforderte technisches und organisatorisches Know-how, das beide so nicht besaßen. Zudem hatte sich durch das ständige Wachstum und die vielen Lagerstätten stellenweise auch eine gewisse Ineffizienz eingeschlichen. Die Lösung dieser Probleme kam in Person von Jörg Kerber, einem niedersächsischen Bekannten von John Gahlert. Der 52-jährige IT- und Logistikexperte hörte dessen Hilferuf und entschied sich schnell für die Oberpfalz. Seine Denkweise und Mentalität passten sofort kongenial zur Philosophie des Unternehmens: "Arbeit ist zwar ein wichtiger Teil des Lebens, aber trotz allen Leistungsdrucks muss die Arbeit menschlich bleiben."

Dementsprechend wurde die neue Halle konzipiert, zum Beispiel mit gigantischen, Tageslicht spendenden Oberlichtleisten und ergonomischen Kommissionierungsplätzen, die der Bedienmannschaft rückenschonendes Arbeiten ermöglichen. "Wir achten aber auch darauf, dass die Arbeit für den Einzelnen nicht eintönig wird. Soweit es geht, setzen wir auf intelligente Jobrotation. " Zum nachhaltigen, umweltfreundlichen Konzept gehören selbstverständlich ein Stromsparkonzept und der Einsatz einer Wärmepumpenanlage. Eine Photovoltaikanlage ist in Planung. "Aber man kann nicht alles gleichzeitig finanzieren", merkt Kerber an.

Dafür gibt es ab August ein anderes Novum bei AVE: "Wir bilden erstmals aus", verkündet Heike Graf. "Die nächsten drei Jahre wollen wir jeweils zwei junge Leute im Bereich Logistik und Verwaltung einstellen." Der bisherigen Erfolgsgeschichte mitten in der Oberpfalz werden also weitere Kapitel hinzugefügt.
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