Venezuela in der Krise
Benzin billiger als Wasser

Lange Schlangen bilden sich am Donnerstag vor den Tankstellen in Venezuela. Präsident Nicolás Maduro hatte am Mittwoch eine Erhöhung des Benzinpreises angekündigt. Bild: dpa

Wie verzweifelt die Lage im sozialistischen Venezuela ist, zeigt eine Attacke auf das "Heiligtum" - den dank hohen Subventionen niedrigsten Benzinpreis der Welt. Nun wird der Preis mehr als verzehnfacht. Ob das gut geht? 1989 kam es wegen so einer Erhöhung zu Hunderten Toten.

Caracas. 25 Liter tankt der Taxifahrer, irgendwas scheint mit der Anzeige an der Zapfsäule nicht zu stimmen. 2,42 Bolivar steht dort unterm Strich als Endpreis. Doch es ist kein technischer Defekt. Zu zahlen ist eine Tankrechnung von umgerechnet gerade einmal 0,3 US-Cent - wenn man den Schwarzmarktkurs zugrunde legt. Der Fahrer kommt grinsend vom Zahlen zurück, eine Wasserflasche in der Hand: "Hat 100 Bolivar gekostet, 40 Mal so viel wie das Tanken." Willkommen in Venezuela, dem Land mit den niedrigsten Benzinpreisen der Welt. Und der höchsten Inflation: rund 200 Prozent.

Das Land mit den größten Ölreserven steht nach 16 Jahren sozialistischer Revolution und üppigen Sozialprogrammen für die ärmere Bevölkerung vor dem Kollaps - auch, weil der Ölpreis so dramatisch gefallen ist. Wie sehr Präsident Nicolás Maduro in der Bredouille ist, zeigt die im Fernsehen und Radio übertragene Ansprache am Mittwochabend. Stundenlang referiert er die Krise, um schließlich das zu verkünden, was er immer vermeiden wollte: Der Benzinpreis wird erhöht, erstmals seit knapp 20 Jahren. Und zwar auf einen Schlag vervierzehnfacht. Prompt bilden sich an Tankstellen lange Schlangen. "Wir haben das billigste Benzin der Welt. In den USA kostet ein Liter mindestens 0,78 Dollar", betont Maduro. In Kolumbien 1,08 US-Dollar, nur in Venezuela 0,01 Dollar.

Mindestlohn steigt


Um den Aufruhr gerade bei seiner Stammklientel - den Armen - im Zaum zu halten, flankiert Maduro die höchst unpopuläre Maßnahme mit einer Erhöhung des Mindestlohns um 20 Prozent. Die meisten Venezolaner haben ohnehin wenig Geld, von Devisen ganz zu schweigen, weshalb sie die Preiserhöhung spürbar treffen wird.

Im Zuge eines wirtschaftlichen Notstandes werden bestimmte Güter bereits rationiert, die Nummer auf dem Personalausweis entscheidet, wann in staatlichen Supermärkten Milch, Hühnchen oder Reis gekauft werden darf: Wer zum Beispiel die 01 auf dem Ausweis hat, kann nur montags shoppen gehen. Aber oft gibt es die Sachen nicht mehr - kein Mangel herrscht hingegen an Cola. Und eben bisher an Billigbenzin. Für jeden noch so kurzen Weg nehmen die Venezolaner das Auto, beliebt sind richtig dicke Geländewagen, auch im Stadtverkehr. Im Tankparadies ist der Benzinpreis ein Heiligtum. In der Nationalversammlung wurden bereits demonstrativ Bilder von Hugo Chávez abgehängt, dem "Vater" der Idee eines Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Viele Bürger haben die Nase voll von ausufernder Gewalt, Miss- und Mangelwirtschaft und der Abhängigkeit vom Ölexport.

Wie werden die Bürger auf die "Revolution" an der Zapfsäule reagieren? Unvergessen ist der "Caracazo" von 1989. Damals war die Lage ähnlich: tiefe Rezession, hohe Inflation und Auslandsverschuldung, gefallener Ölpreis. Der sozialdemokratische Präsident Carlos Andrés Pérez sah sich gezwungen, Subventionen zu streichen und so Transport- und Benzinpreise zu erhöhen - es folgte ein Aufruhr mit Hunderten Toten.
Wir haben das billigste Benzin der Welt. In den USA kostet ein Liter mindestens 0,78 Dollar, in Venezuela 0,01 Dollar.Präsident Nicolas Maduro
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