Verliebt in Regensburg

"Ich sammle Regensburg. Am liebsten bin ich in den Gassen unterwegs, die finde ich so schön. Da marschiere ich immer wieder durch. Alleine in der Lederergasse gibt es 25 Baudenkmäler", schwärmt der leidenschaft- liche Fotograf Rudolf Rinner.

Regensburg. Wie jeder Fotograf ist Rudolf Rinner ein Ästhet: "Ich habe eine Schwäche für schöne Proportionen in der Architektur. Man sagt nicht umsonst, Regensburg ist die nördlichste Stadt Italiens." Er bewegt sich gerne abseits der beliebten Touristenwege: Im Herzogspark, rund um die Königliche Villa oder in den Hinterhöfen der Altstadt, zum Beispiel in der Weingasse. Eines seiner Lieblingsziele ist die zwei Kilometer lange Donauinsel "Oberer Wöhrd". "Die Leute glauben, ich spinne, weil ich da immer wieder mit der Kamera auf- und abspaziere. Aber da ist es einfach fanstastisch. Du gehst da zwischen mächtigen Bäumen durch, bist aber mitten in der Stadt. Das ist das tolle an Regensburg, dass es so etwas gibt."

Auch die Regensburger Geschlechtertürme haben es dem 65-Jährigen angetan. Aber auch hier nimmt er nicht die in den Fokus, die alle kennen, sondern die "verborgenen". "Ursprünglich gab es 60 Geschlechtertürme, jetzt stehen noch 40. Davon kann man 20 leicht erkennen. Die anderen 20 kennen nur wenige. Oder haben Sie schon mal was vom Altdorfer-Turm gehört? Aber es gibt nicht nur Geschlechtertürme, sondern auch gut erhaltene Stadtmauertürme, wie den doch sehr versteckten Ädgidienturm am Ägidiengang auf dem Altenheimgelände, in Regensburg zu bestaunen."

Das mittelalterliche Regensburg ist reich an steinernen Zeugen. Für die Wappen der Patrizierfamilien hat Rinner ebenfalls ein Faible entwickelt. "An der Ostseite des Domes sind an den Chorpfeilern nur drei Wappen zu sehen: Die des Patriziers Heinrich Zant und seines Bruders Konrad, sowie von Bischof Leo, dem ersten Bauherrn des Domes. Warum? Weil die Zants Mitte des 13. Jahrhunderts viel Geld für den Bau des Doms gespendet haben." Wahrscheinlich wollten sie so auch etliche Jahre Fegefeuer sparen. Schließlich waren deren Leihgeschäfte und andere Geschäftspraktiken von der Kirche nicht abgesegnet. Das Zant-Wappen findet sich noch an mehreren anderen Stellen: Etwa in der Speichergasse, in der Spiegelgasse und im Katharinenspital.

Standardwerk hilft

"Ich interessiere mich aber nicht nur für die großen, sondern auch für die kleinen Denkmäler, insbesondere die Hausmarken. Mit Tieren und Werkzeugen wurde gekennzeichnet, was für ein Berufsstand dort zuhause ist." Lesen und schreiben konnten im Mittelalter die wenigsten. In der Werftstraße findet man zwei verschlungene Fische. Eine Plätte an anderer Stelle zeigt an, dass hier jemand dem Schifffahrtsberuf nachgegangen ist. "Ich bin schon 50 Mal an einer Stelle vorbeigegangen. Beim 51. Mal fällt mir etwas auf." Um herauszufinden, was die neue Entdeckung bedeutet, wirft er oft einen Blick in das fast 1000 Seiten starke Regensburg-Buch von Karl Bauer. 1962 erstmals erschienen, gilt es als das populäre Standardwerk zu Regensburgs Geschichte, Kunst, Kultur und Brauchtum. Bauer hat die Geschichte fast jeder Straße und jedes historisch interessanten Gebäudes mit akribischem Fleiß zusammengetragen.

Seit seiner ersten Digitalaufnahme vor knapp 20 Jahren haben sich auf seinen Festplatten 230 000 Fotos angesammelt. Sie stammen unter anderem von seinen Reisen nach Asien, Afrika und seinen Lieblingsinseln Hawaii, La Gomera und Lanzarote. Ein großer Teil davon sind jedoch Bilder von seinem geliebten Regensburg. Die 230 000 Fotos belegen 10 Terrabyte Speicher auf mehreren großen Festplatten. "Da sind aber viele Mehrfachbelichtungen dabei. Ich bearbeite nämlich jedes Foto. Die Chips der Digitalkameras sind blöd, sie können nicht wie das menschliche Auge die Kontraste richtig abbilden." Das Problem kennt jeder Hobbyfotograf, der eine Person vor einem Zimmerfenster fotografieren will: Entweder erscheint auf dem Foto das Fenster zu hell oder die Person zu dunkel. Mit der modernen HDR-Fotografie kann man das Problem lösen. HDR ist die Abkürzung für "High Dynamic Range"; HDR-Bilder - Bilder mit hohem Dynamikumfang -, auch Hochkontrastbilder genannt, sind digitale Bilder, die große Helligkeitsunterschiede detailreich wiedergeben. Die Kamera macht mehrere Bilder mit unterschiedlichen Belichtungsstufen. Der engagierte Fotograf bearbeitet dann die Bilder am Computer und fügt sie zu einem Foto zusammen, so wie es das menschliche Auge sieht. "Zeit habe ich ja jetzt genügend. Ich bin vor fünf Jahren in Rente gegangen. Ich genieße es, über so viel eigenbestimmte Zeit zu verfügen." Von dieser "Frei"-Zeit profitiert auch die Internetgemeinschaft. Seit kurzem hat Rinner einen Facebook-Blog "Verliebt in Regensburg", auf dem etliche seiner Fotos zu bewundern sind.

Hochkontrastbilder

Dass er seine Bilder noch systematischer ordnen will und sogar an die Veröffentlichung eines neuartigen Stadtführer-Bildbands denkt, hat aber vielleicht einen anderen Grund. Rudolf Rinner kann nicht mehr wie früher einfach aus dem Haus gehen und seine geliebten Gassen und Areale in Regensburg durchwandern: Er wohnt seit einigen Jahren mit seiner Frau, einem echten, in der Altstadt aufgewachsenen Regensburger Gewächs, in Burglengenfeld. "Beerdigt wollen wir hier jedoch nicht werden, denn: Alte Liebe rostet nicht."
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