Verschiedene Sichtweisen auf die Ukraine-Krise

Mit der Berichterstattung über die Ukraine-Krise beschäftigt sich ein Leser aus Weiden:

Da liest man am Montag, 08.12.2014, auf Seite 3 zur Ukraine-Krise die bedenkenswerten Ausführungen eines offenbar gut informierten Unternehmers (Horst Linn), der den Umgangston des Westens mit Russland anprangert, mit Erschrecken die Fantasien vieler Deutscher von einem Krieg gegen Russland registriert und den USA bzw. der Nato vorwirft, nach dem Ende der Sowjetunion "einen Waffengürtel um Russland gezogen" zu haben. Nun ja, denkt man sich vielleicht, dem geht es halt um die Beeinträchtigung seiner Exportinteressen.

Auf Seite 28 stößt man dann auf einen ausführlichen Bericht über den Vortrag des Journalisten Andreas Zumach, der auf Einladung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft über die Ursachen und Hintergründe der Ukraine-Krise referiert hatte. Zumach, der die politisch Handelnden oft aus nächster Nähe erlebte und damit auch Zeitzeuge ist, wird noch deutlicher und lastet die Hauptverantwortung für den Ukraine-Konflikt umstandslos "dem Westen" an. Dieser habe nach dem Fall der Mauer seine Versprechungen gegenüber Russland, die Nato nicht über Deutschland hinaus nach Osten auszudehnen, nicht eingehalten.

Allerdings meint Zumach mit "dem Westen" primär gar nicht die USA, sondern die seit 2003 verfolgte geopolitische Strategie der EU, neben Amerika und China zumindest wirtschaftlich zu einer Großmacht aufzusteigen. In diesen Zusammenhang gehört nach Zumach der Druck auf die Ukraine, sich zwischen EU-Mitgliedschaft und Russland, dessen Wiege sie einst gewesen war, zu entscheiden.

Mag es im Detail gewisse Deutungsvarianten geben zwischen Horst Linn, der vorschlägt, Russland die Krim, die historisch immer zu ihm gehört habe, "zu schenken", und Andreas Zumach, der glaubt, Russland wolle nicht weitere Teile der Ukraine annektieren: Insgesamt drängt sich aus beiden Artikeln der Eindruck auf, Nato und EU hätten die ukrainische Demokratiebewegung gegen Präsident Viktor Janukowitsch gezielt im Interesse eigener Großmachtinteressen unterstützt - schließlich wären die Bodenschätze des größten Flächenstaats dieser Erde kein Pappenstiel!

Und dann stutzt man plötzlich und erinnert sich: Gab es da nicht auf Seite 2 einen Kommentar zur Ukraine-Krise? Dort ist vom Großmachtstreben Russlands zu lesen, "das sich nur wenig von dem der vergangenen Jahrhunderte unterscheidet". Mit dem Satz "Warnungen vor einem Krieg ... helfen ... nicht weiter, wenn eine der Konfliktparteien sich stur stellt" verkneift sich der Kommentator gerade noch die direkte Aufforderung, endlich einen Krieg gegen den russischen Bären zu beginnen.

Was lernen wir daraus? So schön und demokratisch kann Meinungsvielfalt sein, und so treffend lassen sich zwei Meinungen in einer dritten zusammenfassen!

Dr. Hannsjörg Bergmann92637 Weiden

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