Von Kur bis Camping

Beim Kaufmann für Tourismus und Freizeit denken viele erst einmal an den Verkäufer im Reisebüro. Doch weit gefehlt. Die Fachkräfte schicken Menschen nicht an exotische Ziele. Sie wollen sie vielmehr herlocken.

(dpa/tmn) Eigentlich ist es doch ein Selbstläufer, Besucher nach Berlin zu holen. Die Hauptstadt zieht Touristen an wie ein Magnet. 2014 kamen 11,9 Millionen Besucher. Trotzdem muss das Produkt Berlin aktiv verkauft werden, sagt Janina Vogel. Die 23-Jährige macht bei der Tourismus-Marketingagentur Visit Berlin die Ausbildung zur Kauffrau für Tourismus und Freizeit. Die junge Frau kennt die Vorzüge der Hauptstadt genau. Schließlich ist sie Berlinerin. Trotzdem: "Wir müssen immer wieder neue Anlässe bieten, in die Stadt zu kommen."

Marketing und Analysen

Dafür führt Vogel schon einmal Reise-Agenten aus Vietnam durch Berlin und erklärt ihnen, warum deren Landsleute hier Urlaub machen sollen. Ihr Team fliegt regelmäßig in andere Länder. "Dort versuchen wir, die ansässige Reiseindustrie für das Produkt Berlin zu begeistern", sagt die Auszubildende. "Gerade in Asien müssen wir oft Überzeugungsarbeit leisten, weil Berlin als Destination nicht immer bekannt ist."

Während der klassische Tourismuskaufmann Menschen in den Urlaub schickt, ist es das Ziel des Kaufmanns für Tourismus und Freizeit, Besucher an einen Ort zu holen. In diesem Job dreht sich entsprechend viel um Marketing, Marktanalyse und Produktentwicklung.

Von Berlin geht es nach Aachen. Die Stadt im Dreiländereck Deutschland, Niederlande und Belgien ist bekannt für ihren prachtvollen Dom, der zum Unesco-Welterbe gehört. Mehr verbindet der durchschnittliche Bürger aber nicht mit Aachen. Dass sich ein Besuch dennoch lohnen kann, versucht das städtische Tourismusbüro Aachen Tourist Service zu vermitteln. Da sind Kreativität und analytisches Denken gefragt. Weil Aachen eine Studentenstadt ist, haben Auszubildende des Tourismusbüros zum Beispiel eine Pauschale für die Eltern der Studenten entwickelt, erzählt Gabriele Philipp. Sie ist beim Aachen Tourist Service Ausbildungsverantwortliche. Das Paket soll Eltern für einen Besuch beim Nachwuchs begeistern. Die Pauschale bietet neben der Hotelübernachtung ein Frühstück im Studentenviertel. "Das ließ sich vermarkten und kam gut an", sagt Philipp.

Die Aachener Studentenpauschale ist ein typisches Beispiel für Produkte, die Kaufleute für Tourismus und Freizeit entwickeln. "Sie bewerben die Destination und schauen: Was ist vor Ort vorhanden und wie erstellt man daraus attraktive Pakete", erklärt Robin Bentz von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Köln. Dafür müssen sie Kooperationen mit örtlichen Partnern wie Hotels, Theatern oder Restaurants aushandeln. Dafür ist Kommunikationsstärke gefragt.

Eine besondere Herausforderung kann der Kontakt mit ausländischen Gästen oder Agenten der Reiseveranstalter sein. Sie bringen mitunter andere Umgangsformen und Mentalitäten mit. "Darauf muss man sich einstellen können", erklärt Vogel. Sie hat sich vor dem Besuch der Delegation aus Vietnam etwa mit den dort üblichen Begrüßungsriten auseinandersetzt.

Fremdsprachen sind Pflicht

Gute Englisch-Kenntnisse sind eine Mindestvoraussetzung, um in Ausbildung und späterem Berufsleben bestehen zu können. "Fremdsprachen sind Pflicht", sagt Philipp. Bei ihr im Aachen Tourist Service sind wegen der geografischen Lage vor allem noch Niederländisch und Französisch gefragt.

Wenn man die Zahl der Auszubildenden als Maßstab nimmt, führt die Ausbildung zum Kaufmann für Tourismus und Freizeit im Vergleich zu den Tourismuskaufleuten eher ein Nischendasein. Der Grund dafür liegt in der Zahl der Ausbildungsbetriebe, sagt Philipp. "Den Beruf bilden Freizeiteinrichtungen, Tourismusbüros und mitunter noch Campingplätze aus." Demgegenüber stehen viele Reisebüros und Reiseveranstaltern, die eher klassische Tourismuskaufleute ausbilden. Ein großer Vorteil der Ausbildung sind die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten danach. "Man ist nicht auf den Tourismus-Sektor festgelegt", sagt Philipp. Auszubildende aus ihrem Unternehmen haben unter anderem Jobs im Marketing und Vertrieb gefunden - bei Firmen außerhalb der Tourismus-Branche.

Janina Vogel hat über ein Jahr ihrer Ausbildung hinter sich, fast zwei stehen ihr noch bevor. Sie möchte danach weiter im Tourismus und bei Visit Berlin arbeiten. "Was gibt es Besseres, als die eigene Stadt zu vermarkten?", fragt sie.
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