"Wald vor Wild" gilt nicht auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr

Zum hohen Rotwild-Bestand auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr:

Ja, der Truppenübungsplatz ist eine gigantische Spielwiese für Rotwildfreunde. Einmalig vor allem deshalb, weil sich die Ziele "Militärischer Übungbetrieb" und "Rotwild" nicht oder kaum in die Quere kommen. Um das Ganze mal ein bisschen einordnen zu können: Man geht davon aus, das in großflächigen, unberührten Buchenurwäldern Mitteleuropas eine Rotwilddichte von 0,1 bis 0,5 Stück auf 100 Hektar (ha) geherrscht hat. Als wirtschaftlich vertretbar werden in Bayern etwa 1 Stück auf 100 ha angesehen. Auf dem Übungsplatz leben etwa 15 bis 20 Stück pro 100 ha.

Dass dabei das "Offenland" offen gehalten wird, ist nachvollziehbar. Die können dort soviel Gras fressen wie sie wollen, es kann kein Schaden entstehen. Aber ich frage mich, was ein Landwirt sagen würde, der das Gras, Getreide oder den Mais für seine Kühe braucht, wenn ihm das vor der Nase von Rotwildrudeln weggefressen wird? Im Platz besteht eine mehrere tausend Hektar große Impact Area (Trefferfläche für Artillerie und Bombenabwurf), wo sie das Rotwild zusätzlich zu den "offen zu haltenden Bereichen" für die übende Truppe hinlenken können. Diese Kleinigkeiten fehlen in der normalen Landschaft. Auch gelingt dort bis auf ganz wenige Ausnahmen nur ein Primitiv-Waldbau mit Fichte, Kiefer und Buche bei großflächiger und starker Lichtstellung der Altbestände. Und selbst da erinnern die meisten Jungbuchen eher an Bonsais als an Bäume.

Irgendwie mogelt sich dann schon irgendwann eine Buche durch: Für die militärische Übungskulisse langt es. Dass sich dann andere Offenland-Arten wohler fühlen als im Urwald ist klar. Die Frage, ob man auf Standorten, wo die natürliche Vegetationsgesellschaft der Buchenmischwald wäre, unbedingt gebietsfremde Offenland-Arten ansiedeln müsste, würde zu einer Grundsatzdiskussion des Naturschutzes führen, die hier zu weit ginge, aber längst überfällig ist.

Fakt ist: Auf Grund dieser ganzen Sondersituation des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr ist dieses Modell keinesfalls, auch nicht ansatzweise für Gebiete übertragbar, wo vernünftig Land- und Forstwirtschaft betrieben werden soll. Auch die Frage, warum in einem Truppenübungsplatz Rotwild gehalten werden muss, das ein Vielfaches der natürlichen Dichte überschreitet, kann man aufwerfen. Die einzige Antwort lautet: Weil Jäger am Wild Freude haben und mehr Wild heißt mehr Freude. Daran ist nichts Verwerfliches, solange keine nennenswerten Kollateralschäden eintreten. Die haben wir aber schon mit Reh- und Schwarzwild zur Genüge.

Wenn auch noch das Rotwild flächendeckend dazukäme, wären die Jäger ja noch mehr überfordert, als sie es jetzt schon sind. Deshalb kann ich Herrn von Gemmingen-Hornberg überhaupt nicht verstehen, was er da nach München tragen will. Er kann mit gutem Beispiel vorangehen und seinen Grundbesitz der US-Army als Truppenübungsplatz anbieten.

Auch seine Aussage, dass ein einseitiges und destruktives Forstgesetz jede Kreativität im Bereich Forstwirtschaft und Wildtiere verhindere, ist für mich nicht nachvollziehbar. Hat er etwa etwas dagegen, dass "die natürliche Verjüngung der standortgemäßen Baumarten im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen möglich" sein soll ? Will er wieder Zäune mit Längen von München bis nach Peking bauen? Hat er noch nicht verstanden, dass der Grundsatz "Wald vor Wild" eine Regel ist wie im Straßenverkehr "rechts vor links"? Wald vor Wild heißt nicht Wald ohne Wild, sondern dass im Zweifelsfall dem Wald der Vorrang gebührt. Ohne Wild könnten wir zur Not leben, ohne Wald nicht. Wenn der Wald nicht gemischt und gestuft ist, sondern ein geschälter Fichtenacker, kann er seine vielfältigen Wirkungen nur noch bruchstückhaft entfalten.

Schön, dass man für einen vielfältigen Wald das Wild nicht ausrotten, sondern nur auf natürliche Dichte begrenzen muss. Die Krux ist,dass sich diese natürliche Dichte nicht mit der jagdlich angenehmen Dichte deckt. Deswegen ist der Slogan "Wald vor Wild" unpräzise, er müsste eigentlich heißen "Wald vor Jäger-Interessen".

Michael Bartl, 92280 Kastl
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