"Weiter so, Gymnasium!?"
Leserbrief

Zum Artikel "Mit Mittlerer Reife bis zum Abitur" vom 7. Februar erreichte uns folgende Zuschrift:

"Ich muss an dieser Stelle meiner Begeisterung für das Gymnasium einmal freien Lauf lassen. Ist es nicht toll, wie sich das Gymnasium um alle unsere Schüler hier in Bayern bemüht? Waren früher nur etwa zehn Prozent der Viertklässler in die heiligen Hallen der ehrwürdigen Bildungstempel geladen, so öffnen sich die Pforten zur allein selig machenden Hochschulreife für nahezu jedermann.

Die Übertrittskriterien wurden so aufgeweicht, dass in manchen Landkreisen Bayerns zwei Drittel der Schüler ans Gymnasium wechseln. Den Anwälten der meist betuchten Eltern oder auch den Nachhilfelehrern, die seit der ersten Jahrgangsstufe versucht haben, dem etwas behäbigen Genie auf die Sprünge zu helfen, sei Dank. Die Lehrer in den Grundschulen freuen sich ganz besonders auf die nächsten Wochen. Ihre Elternsprechstunden beschränken sich nämlich auf das Notenfeilschen, bzw. auf die berechtigten Vorwürfe, dass sie immer noch nicht erkannt hätten, welch hochbegabte Köpfe da vor ihnen sitzen. Notfalls muss ,Frau Müller weg'.

Aber: Spaß beiseite. Das Thema ist zu tragisch, um sich darüber lustig zu machen. Es macht einen eher traurig zu sehen, welcher Erwartungsdruck auf den Eltern und Schülern in der Grundschule lastet. Wie viele Kinder sollen noch in eine Schule gezwungen werden, für die sie eigentlich nicht geeignet sind? Wollen wir wirklich für den erzeugten Frust und die Demotivation schon in jungen Jahren die Verantwortung übernehmen? Da greifen auch die angeblichen "Hilfen" des Gymnasiums wie Intensivierung oder flexible Mittelstufe nicht.

Experten kritisieren seit langem schon diese Entwicklung. "Masse statt Klasse" - kann das wirklich das Ziel sein? Die einseitige Bildungsberatung Richtung Abitur stellt eine ökonomisch äußerst gefährliche Verschwendung von Fachkräftepotenzial dar. Es ist an der Zeit den Akademisierungswahn zu stoppen. Muss man nicht den Eltern stattdessen klar machen, dass Menschen auch ohne Abitur erfolgreich im Berufsleben bestehen und glücklich werden können?

Die erschreckend steigende Zahl von Studienabbrechern spricht überdies eine deutliche Sprache. Immer mehr junge Menschen scheitern an ihrem Studium wegen Überforderung und fühlen sich den Anforderungen nicht gewachsen. Diesen hat man durch das Überreichen einer allgemeinen Hochschulreife, wie auch immer diese zustande gekommen ist, wirklich keinen Gefallen getan. In manchen Studiengängen erreicht die Zahl der Abbrecher sogar über 50 Prozent! Ist hier bei der Vorbereitung in der Gymnasialzeit vielleicht etwas schief gelaufen?

Zwei Fragen zum Schluss: Kann man beim Übertritt nicht einfach wieder auf die tatsächliche Eignung der Schüler mehr Wert legen? Erfahrene Grundschullehrkräfte erkennen diese sehr wohl! Einfacher Beratungstipp für die Eltern: Ein potenzieller Gymnasiast hat keinerlei Schwierigkeiten, die Anforderungen für den Übertritt zu erfüllen, lernt leicht und ist trotz Schule ein fröhliches Kind.

Tut sich das Gymnasium wirklich einen Gefallen, indem es vorgibt, eine Schule für jedermann zu sein? Läuft es nicht Gefahr, seine eigentliche Aufgabe, geeignete Schüler auf ein späteres Studium vorzubereiten, zu verfehlen? Die Zeit zum Umdenken und ein vernünftiges Gegensteuern ist für alle Beteiligten gekommen!"

Karl-Heinz Reinhardt,Oberviechtach

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